27.01.2017  Gery Seidl: Sonntagskinder

Foto: Gary Milano
Foto: Gary Milano

Nach drei Jahren steht Gery Seidl wieder mit einem neuen Programm auf der Bühne. DieKleinkunst-Redakteurin Marion Kern hat sich im Stadtsaal davon überzeugt, dass er auch bei „Sonntagskinder“ zu seiner Bestform aufläuft und mit Energie, Spaß und Überzeugung für einen sehr unterhaltsamen Abend sorgt – nicht ohne den einen oder anderen Punkt zum Nachdenken einzustreuen ...

 

 

Die Erklärung, warum das neue Programm „Sonntagskinder“ heißt, liefert Gery Seidl gleich zu Beginn: Er ist eines. Und das ist schließlich etwas ganz Spezielles. Aber eigentlich sind wir alle Sonntagskinder, da es uns in Wahrheit als Gesellschaft sehr gut geht und wir auf sehr hohem Niveau jammern. Interessant ist ja auch, dass wir über die kleinsten Zwischenfälle in den entferntesten Ländern erfahren – was umgekehrt sicherlich nicht der Fall ist. Wir müssen also fremde Katastrophen importieren, weil es uns so gut geht.

 

Über die verschiedensten Themen – vom Familienurlaub in „Tsatsiki“, über seinen erfolglosen Versuch, seiner Schwiegermutter nahezubringen, was ein Hauptwasserhahn ist, bis zum Camping (Erkenntnis: „Eine Frau im Zelt kann man vergessen, wenn man keine Indianerin heiratet.“) zieht er mit seinem Programm eine weite Klammer. In so mancher Szene kann man sich oder Menschen im eigenen Umfeld sehr gut wiedererkennen, manchmal werden auch Erinnerungen wieder wach.

 

Ein paar Klischees à la „Logik kann man nicht gendern“ gehören freilich auch dazu. Zumindest der Löwe hat immer schon richtig gegendert: Er liegt im Halbschatten, sie rennt mit ihren Freundinnen und jagt – und er darf sich dann als Erster über die erlegte Beute hermachen. Umgekehrt verhält es sich bei den Gottesanbetern – da ist Sex für die Männchen tödlich und Fremdgehen unmöglich...

 

Gery Seidl empfiehlt auch ein Abgehen von der „österreichischen Dreifaltigkeit“ – den Fragen „Wer sagt das? Wo steht das? Wer will das wissen?“ und sieht den Beweis dafür, dass es intelligentes Leben im All gibt, darin, dass noch keiner mit uns Kontakt aufgenommen hat.

 

Mit dabei ist natürlich auch wieder Gery Seidls Freund Kurtl, mit dem er seine besten Urlaube verbracht hat und ihm nach wie vor zur Seite steht. Vor allem an den vielen Abenden, die sie gemeinsam im Keller verbringen, wo sie sich am wohlsten fühlen und ihrem Hang zur Technik ungestört nachkommen, bestens ausgestattet mit Bier und dem Pirelli-Kalender, was will MANN mehr?

 

Ein wirklicher Haustier-Fan dürfte Gery Seidl nicht sein, da er „Haustiere bis zur Haustüre“ liebt und die Sympathie mit der Distanz steigt. Nur bei einer Schildkröte wäre er kompromissbereit, was seine Tochter allerdings nicht gerade zu Begeisterungsstürmen hingerissen hat. Der neue Nachbar aus Barcelona hingegen ist ihm ein Dorn im Auge, im Gegensatz zu seiner Frau, die durchaus positiv reagiert... Und das Rudergerät kauft er sich selbstverständlich nicht deswegen, das hatte er schon lange vor.

 

Sehr hilfreich in der Kommunikation ist das „Omega-Hören“, bei dem die Botschaft zwar das Ohr erreicht, aber dann „außen vor“ gelassen wird, genau wie das griechische Omega-Zeichen. Vielleicht würde das einige Konflikte verhindern.

 

Es gelingt Gery Seidl hervorragend, das Publikum mitschwingen zu lassen. Man spürt deutlich, dass er auch in den ruhigeren, nachdenklicheren Phasen volle Aufmerksamkeit hat und die Energie nie abreißt. Und umso heftiger geht das Publikum auch wieder mit, wenn die Stimmung auf der Bühne wieder ins Positive kommt.

 

Er bringt auch sein schauspielerisches Talent gut zur Geltung, indem er in die verschiedensten Rollen schlüpft, Stimmen und Dialekte übernimmt, und auf diese Art sogar ein Vierergespräch mit Bravour meistert. Musikalisch wird es diesmal kaum, obwohl in Gery Seidl auch eine musikalische Ader schlummert.

 

Fazit: Ein sehr gelungener, unterhaltsamer Abend, der noch länger nachwirkt. Offen bleibt einzig, wie Gery Seidl und sein Mitarbeiter Ivo das Problem mit der Stromleitung in der Baugrube gelöst haben... Vielleicht erfahren wir das ja im nächsten Programm!?

 

 

DieKleinkunst-Redakteurin Marion Kern

 

 

 

www.geryseidl.at

 

www.stadtsaal.com