15.3.2017  Gerald Fleischhacker: Ich bin ja nicht deppert!

© http://casanova-vienna.at/
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"Bist Du deppert!", dachte sich DieKleinkunst-Redakteur Markus Freiler, als er den TV- und Kabarett-Promiauflauf bei der Premiere von Gerald Fleischhackers neuem "Programm" sah. Warum mit Gänsefüßchen? Weil sich DieKleinkunst nicht sicher ist, wofür nun diese "neue" Produktion von Fleischhacker steht. Ist es bloß das Best-of des bekannten Formats "Bist Du deppert" eines TV-Privatsenders, welches hier von Fleischhacker launig moderiert wird, oder doch "echte" Kleinkunst. Wohl Ansichtssache...

 

 

"Guten Abend liebe Steuerzahlerinnen und Steuerzahler! 82 Milliarden € Steuer zahlen wir im Jahr".  So plakativ beginnt Gerald Fleischhacker den Abend, also genau so, wie er als Moderator die Comedy-Infotainment-Show "Bist Du deppert!" eröffnet. Im Unterschied sind aber an diesem Abend keine "ganz lieben" Berufskollegen ("Satiriker-Riege") geladen, welche die einzelnen Fälle der wahnwitzigen Geldverschwendungen auf humorige Weise präsentieren, sondern es ist Gerald Fleischhacker selbst, der den "Mächtigen ans Bein pinkelt" (zit. Gregor Seberg).

 

Die Sendung "Bist Du deppert!" zeichnet aus, dass es die unfassbaren Geldbeträge, welche öffentliche Institution verspielen, auf satirische Weise begreifbar gemacht werden. So tut es auch Fleischhacker, wenn er uns vorrechnet, dass 82 Milliarden 2600 € in der Sekunde sind - so wird Unvorstellbares vorstellbar. Nicht unterwähnt lässt er fairerweise, dass es da einer Menge Arbeit bedarf, bis diese Steuerverschwendungsfälle als Amuse-Gueule fürs Publikum zubereitet sind. Diese Basisrecherche und Aufbereitung der Daten leisten die wackeren JournalistInnen von DOSSIER.

 

Die eigentlichen "Stars" des Abends sind die diversen aufgedeckten Finanzskandale, die in unserem viel geliebten Österreich "passieren". Da geht es um eher mickrige 60.000 € für öffentliche Parkplatzbeschaffung im 8., mit dem Schönheitsfehler, dass danach weniger Parkraum zur Verfügung steht, bis zu 250 Millionen € für die Ski-WM in Schladming, für welche das Land Steiermark - sprich die "SteirerzahlerInnen" - geradestehen müssen. Spöttisch ist Fleischhackers Schluss: Die Österreicher seien 13 x so deppert, wie die Deutschen, da dort die WM nur 19 Millionen € gekostet hat.

 

Gerald Fleischhacker führt souverän durch diesen Sumpf an Steuersünden. Er beherrscht sein Handwerk als Moderator/Entertainer/Comedian perfekt, liebt es, den Spannungsbogen ins Unermessliche aufzubauen. Für meinen Geschmack übertreibt er es damit manchmal etwas, denn der Stoff, den es da zu bewältigen gibt, ist sicher kein aufgeblasenes Nichts - da geht es um Geld, welches der Allgemeinheit zugutekommen sollte. Er beweist durchaus parodistisches Talent, wenn er z.B. den Paten mimt im Zusammenhang der Rechtsanwaltsarmada von "Schröcksi".

 

Zwischen Fleischhackers Fallbeispielen der Vernichtung öffentlicher Budgetgelder schildert Fleischhacker mit viel Selbstironie seine privaten Fehlleistungen im Umgang mit Geld. Einerseits sind da schon fast paranoiden Anwandlungen feststellbar, wenn er seinem Sohn vorwirft, sein Taschengeld ohne Buchhaltung zu verprassen. Andererseits steht er in pekuniären Fehlplanungen dem öffentlichen Haushalt um nichts nach, als das Ausborgen eines Leasing-Autos, zwecks Einsparungsmaßnahme, in einem finanziellen Desaster endet. "Deppert grennt", meint er lapidar.

 

Fleischhacker sucht auch nach Erklärungsansätzen für die Verschwendung öffentlicher Gelder.  Als Ursachen ortet er das "Dreinreden" und die "Tyrannei der Wahl". Wenn er seine Theorien mit Beispielen aus dem Privatleben veranschaulicht, z.B. die dreinredende "Oma-Mafia", dann bietet er dabei Stand-up at its best.

 

Für Fleischhacker bleibt am Ende des Abends die Frage über, sind wir oder das System so "deppert", dass solche Finanzskandale möglich sind und bringt als Lösungsvorschlag, um aus Fehlern zu lernen, die bewusste Umkehr des "Ironie-Effekts" (Anm. d. Red.: "Stell dir keinen rosa Elefanten vor"). Für mich bleibt am Ende des Abends die Frage über: Habe ich hier nun ein schwunghaftes neues Kabarettprogramm von Gerald Fleischhacker gesehen, oder war ich so "deppert" und hab mich für eine Promotion-Tour für die Sendung eines Privat-TVs missbrauchen lassen? Die Antwort: Geldverschwendung ist dieser Abend sicher nicht, viel eher handelt es sich für das Publikum, Fleischhacker und den TV-Sender um eine Win-win-win-Situation.

 

 

DieKleinkunst-Redakteur Markus Freiler

 

 

 

Gerald Fleischhacker

 

CasaNova Wien

Humor fungiere hier als "Schuhlöffel", so Gerald Fleischhacker - derstandard.at/2000047123415/Stetes-Anpinkeln-der-Maechtigen-in-Bist-du-deppert