28.3.2017  Bernhard Lentsch: calma

® Johannes Raimann
® Johannes Raimann

In der Kulisse herrschte im Publikum gespannte Ruhe vor Beginn der Premiere.  Keineswegs ruhig legte es dann Bernhard Lentsch in seinem neuen Programm "calma" an. Wie ein Wirbelwind fegt er durchs Programm, um am Ende dann doch zur Erkenntnis zu gelangen, dass "Speed kills". Ist für die LeserInnen diese Botschaft beunruhigend? Keineswegs. Lesen Sie ruhig den Bericht zu seiner Premiere.

 

 

Um die Suche nach Ruhe geht es in Lentschs neuem Programm. Das steht in krassem Widerspruch zu seiner Forderung nach einem möglichst lauten Anfangsapplaus. Der soll nämlich 7-14 % lauter sein als der Durchschnittsapplaus in einem Kabarettprogramm. Andererseits untermauert er durch diverse obskure Statistiken, dass Lärm krankmacht. Aufgrund der Reizüberflutung ist er nur mehr ein einziges Nervenbündel, dies stellt er äußerst überzeugend mit viel Selbstironie auf der Bühne dar.

 

Ein Markenzeichen von Lentsch sind seine kindlichen Wortspielereien. Wenn den ganzen Tag "gedreht" wird, dann dreht er sich im Kreis. Bei jedem "Action" zuckt der schreckhafte Lentsch zusammen. Wenn die bekifften Eltern im Gemeindebau nach ihren Kindern im Hof "Mario-Johanna" rufen, dann zerrt dies ebenfalls an seinem Nervenkostüm. Nun gut, vielleicht gibt es auch Fans von so bekifften Wort-Schmähs im Publikum.

 

Feinsinniger ist da schon die Sache mit der Triangel. Diese hatte ihm sein Opa geschenkt, und der Ton des Instruments hatte ihn immer seine innere Ruhe gebracht, wenn er einmal "grantig" war - leider ist ihm diese verloren gegangen. Vergeblich versuchte er alternativ mit der "Stillgruppe" (auch so ein Wortwitz) oder der Dramatherapie seine Ruhe zu finden. Bei der Darstellung der Methode läuft Bernhard Lentsch zur Höchstform auf. Das ist Körper- und Stimmarbeit at its best: "Erleichtern Sie sich von der Last" und erinnert dabei an einen Veitstanz.

 

Seine letzte Hoffnung auf Entspannung wird eine Zugfahrt, da er auf ein Werbeplakat reinfällt "Genießen Sie die Ruhe und entspannen Sie sich in unserem Railjet". Das Kabarett also als Railmovie?! Wer schon einmal in einem Großraumwagen mit der Bahn gefahren ist, der weiß, dass es schwer ist, in diesem seine Ruhe zu finden - wie soll dies nun unserem Heißsporn Lentsch gelingen? Da nutzt es auch nichts, wenn er aggressiv ruft "Aus dem Weg, heut entspann i mi!".

 

Bernhard Lentsch mimt äußerst überzeugend einen vom (selbst auferlegten) Stress Getriebenen. Schon faszinierend, was den Herrn Lentsch da so auf die Palme bringt: Gebäckverkäuferinnen, die "mehr schauen, als verkaufen". Multipack-Aktionsverkäufe. Sozialarbeiter (Die er im Übrigen aufs Vortrefflichste persifliert), welche die Rolltreppe verstellen. Die unerotische Stimme der Fahrplandurchsage im Zug. Zuspätkommende Rollstuhlfahrer. Das mobile Boardservice. Das Geblinke des Infoscreens. Mütter mit lärmenden und kackenden Kleinkindern. Intime Handytelefonate über eine juckende "Mumu". Und, und, und...

 

Wir, das Publikum, verhalten uns in den oben beschriebenen Situationen natürlich immer souverän und gelassen - oder doch nicht?! Bernhard Lentsch lebt da auf der Bühne das aus, was wir vielleicht insgeheim auch gerne tun würden und hält uns gleichzeitig einen Spiegel vors Gesicht. Er stellt all die "schönen" Charakterzüge eines gestressten Menschen dar: Er ist Misanthrop, Gschaftlhuaba, Besserwiss, Kontrollfreak (Er erträgt es nicht einmal, wenn er durch den Harndrang seiner vollen Blase fremdbestimmt wird), Paranoiker, Hektiker Choleriker. Mit der satirischen Darstellungsweise dieser Persönlichkeitsanteile, welche in der Spielart teilweise an Louis de Funès, erinnert, gibt er diese damit der Lächerlichkeit preis.

 

Bernhard Lentsch überrascht mich immer wieder durch seine ausgereifte schauspielerische Leistung. In den vorkommenden Slapstick-Szenen brilliert er durch sein komödiantisches Talent, und steht einem Rowan Atkinson, alias Mr. Bean, um nichts nach. Zum Lachen bis zum Abwinken z.B. die Szene, wo er sich nicht traut Platz zu nehmen (Ein Stuhlverhalten der anderen Art?), da er paranoid meint, dadurch die ihm unsympathischen Durchsagen des Zugbegleiters auszulösen.

 

Immer wieder besticht Lentsch durch überraschende, kreative Einfälle: Er verschenkt ans Publikum die Deos seines sinnlosen Aktionshamsterkaufs. Er spielt vor der Pause im Schnellvorlauf einen Trailer von der zweiten Hälfte des Abends, um das Publikum bei der Stange zu halten. In einer inbrünstigen Angelobungsrede schwört er mit sich überschlagender Stimme nicht dem Vaterland, sondern seinem Handyvertrag die ewige Treue.

 

"Im Zuge" der Zeit kommt es zur Spießumkehr. All die Verhaltens"züge", welche er an seinen Mitmenschen kritisierte ("Ka Gfüh für die Umgebung"), treten nun bei ihm selbst zutage. "Happy" von Pharrell Williams brüllt es durch seine Kopfhörer und lauthals telefoniert er am Handy. Erst die zugestiegene weise Oma und ihr Enkerl bringen die Wende. Wird er nun die Triangel, welche ihn früher geerdet hat, wieder in sich finden?

 

Bernhard Lentsch ist mit der Idee der Zugfahrt ein herrliches Symbol für die Reise zu sich selbst gelungen. "calma" ist ein intelligentes, und zugleich weises und witiziges Programm über das innere Ankommen. Seine zeitweiligen Abzweigungen zu den "Nebenstrecken" seiner ambivalenten Wortwitze und Wortspielereien lockern "calma" in heiterer Weise auf. Bei all dem Tempo des Stücks lässt Lentsch vor allem gegen Ende des Abends durchaus Zeit und Raum für besinnlich-philosophische Gedanken zum Thema (innere) Ruhe. Das ruhige Ende des Abends wurde nur durch den tosenden Applaus (sicher 14 % lauter als der Durchschnittsapplaus) des Premierepublikums "gestört".

 

 

DieKleinkunst-Redakteur Markus Freiler

 

 

 

Bernhard Lentsch

 

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