Im Gespräch mit: Omar Sarsam

(c) Die Presse (Clemens Fabry)
(c) Die Presse (Clemens Fabry)

Mit seinem neuen Programm "Diagnose: Arzt" ist Omar Sarsam äußerst erfolgreich unterwegs - bis Juni sind sämtliche Termine im Kabarett Niedermair ausverkauft. Wer ihn trotzdem sehen will, der hat dazu die Möglichkeit ihn gemeinsam mit Bernhuber im Kultprogramm "Eule und Pflicht" zu sehen (30. April Kabarett Niedermair), oder in Zusatzvorstellungen von "Diagnose: Arzt" im CasaNova Wien. Höchste Zeit also für DieKleinkunst-Redakteur Markus Freiler, Omar Sarsam zum zum Gespräch zu bitten, um ihn nach seinem Erfolgs"rezept" zu befragen.

 

 

Dein Stil auf der Bühne wirkt unheimlich locker und natürlich. Empfindest du das selbst ebenfalls so, oder ist das mühsam antrainiert?

Erst in dem Moment, wenn ich oben steh. Bis zur Sekunde vorher, hinter der Bühne im Off, da bin ich "am Ende" - gerade bei den "Probefahrten" (Anm. d. Red.: Sarsam ist Moderator dieses Impro-Formats im Niedermair). Ab dem Moment, wo ich auf der Bühne steh, gibt's halt kein Zurück mehr. Antrainiert insofern, weil es da mit der Michaela Obertscheider (Anm. d. Red.: Seine Regisseurin) vor Jahren das Impro-Format "Hands Up" gegeben hat. Da durftest du so lange auf der Bühne bleiben, bis im Publikum zu viele Hände in der Luft waren, und dann bist du von der Bühne geflogen. Das ist zwar schon ein paar Jahre her, aber das Gefühl ist noch immer da, das Gefühl mit dem Publikum zu spielen.

 

Eigentlich eine Gnade, dieses Gefühl für das Publikum zu haben, woher kommt diese Gabe?

Ich seh gar nicht so als Gabe, sondern eher als Geschenk. Wenn sich so viele Leute das anschauen, was ich da auf der Bühne mache, das ist total schön. Musik machen und Leute, die dabei gerne zuhören, das ist für mich eine große Ehre.

 

Was war in deiner Entwicklung zuerst da: Die Musik oder das Schauspiel? Hast du da Ausbildungen genossen?

Das Schauspielerische hab ich während des Studiums über das Improvisationstheater und die Michaela Obertscheider als Schauspiellehrerin gelernt. Es gab für mich auch Umwege über das Musical, welches ja vorgibt, eine Mischung aus Schauspiel und Musik zu sein. Für mich hat es aber mit beidem nichts zu tun (lacht) - es ist irgendwie ganz etwas Eigenes, Es ist zwar schön, auf der Bühne zu stehen und zu singen, aber ich habe das Musical gerne verlassen. Ich liebe es mehr, mit "echter" Musik auf der Bühne zu stehen. Beim Improtheater hab ich gemerkt, dass ich bei ernsten Rollen totale Schwierigkeiten habe, ernst zu bleiben. Ich habe gemerkt, dass die Leute zu lachen beginnen , wenn sie mich auf der Bühne sehen, und ich hab Riesenspaß dabei. Vor allem das Kindliche liegt mir, und dazu steh ich. Es reicht sich selbst und will nichts erreichen.

Aber um auf deine Frage zurückzukommen: Ausbildung in einer Schauspielschule hab ich nie absolviert

 

Wobei ich schon öfter festgestellt habe - ich nenne jetzt bewusst keinen konkreten Namen - dass Schauspieler, welche sich als Kabarettisten versuchen, immer wieder "abstinken"...

Ich glaub sogar, dass Schauspieler in der Ausbildung "gebrochen" werden, um in Rollen schlüpfen zu können. Kabarettisten aber sind eigene Typen, die du nicht so in eine Rolle packen kannst. Die haben ihre Eigenheiten, die bewegen sich nicht schön, haben Sprachfehler und dürfen hässlich sein. Ich hab da im übrigens einen Vorteil: Ich hab früher ganz anders geklungen, aber meine Frau ist Logopädin (lächelt dabei).

 

Der Titel deines Programms lässt Ärztekabarett vermuten, Du wirst aber durch Tiefenhirn-stimulation in deine Kindheit und Jugend versetzt. Wie authentisch sind diese Geschichten?

Der Sprung in die Kindheit ist wirklich authentisch. Ich hab eine Kassette gefunden, wo ich als 5-Jähriger einen wirklich heftigen "jugoslawischen" Akzent drauf hab (Anm. d. Red.: In seinem Programm wird er von einer jugoslawischen Nanny großgezogen). Die Geschichten über Milanka und die Erlebnisse im Restaurant meiner Eltern sind nicht frei erfunden!

 

Du selbst bist in Wien geboren. Deine Eltern haben aber irakischen Migrationshintergrund. Wie geht es dir mit dem komplexen Thema der Flüchtlinge bzw. Heimatvertriebenen?

Ich kann nur sagen, dass ich sehr glücklich bin, hier geboren zu sein. Da ich selbst ein Kind habe, frage ich mich aber immer wieder, was es für mich bedeutete, würde ich in einem Land leben, wo ich ihm nicht die Sicherheit des Überlebens bieten könnte. Für mich als Vater wäre klar, dass ich hierher geflohen wäre. Das Wort "Wirtschaftsflüchtling" gibts für mich nicht: Ich werde zwar politisch, menschlich nicht bedroht, leide keinen Hunger. Aber aufgrund der schlechten wirtschaftlichen Situation hat mein Kind keine Chance auf eine gute Ausbildung. Das Internet zeigt mir die Möglichkeiten in anderen Ländern - Ich würde mich entscheiden, in ein anderes Land zu gehen. Außerdem gibt es in Österreich genauso Studienabsolventen, die nach Deutschland oder Großbritannien ziehen, weil sie hier keinen Job finden. Das sind, so gesehen, auch "Wirtschaftsflüchtlinge". Mit ist aber sehr wohl bewusst, dass kein Land allein eine weltpolitisch versch... Situation retten kann.

 

Du bist ein Meister des Parodierens. Dazu gehört auch das vokalreiche Persische - ist das nicht ein No-Go?

Warum? Mir hat ein Perser nie etwas Schlechtes getan, ich hab ein total entspanntes Verhältnis zu Persern. Der Zufall will es, dass einer meiner Nachbarn persischer Arzt (Anm. d. Red.: Omar Sarsam ist Kinderchrirurg) ist und wir beste Freunde sind! Für mich ist es sowieso unerklärbar, dass sich Völker, die sich so unglaublich ähnlich sind, z.B. exakt die selben Speisen essen, oder dieselbe Lebensart pflegen, unbelehrbar ewig bekriegen. Ich hab in meiner Kindheit so viel über ausländische Medien über das Leid im Golfkrieg mitbekommen. Daher mag ich mich vordergründig nicht mit Politik in meinem Kabarettprogramm beschäftigen. Meine Message ist aber, den Leuten die Angst vor dem anderen zu nehmen, indem ich mich über fremde Akzente und Nationalitäten lustig mache und das Publikum dadurch den anderen kennenlernt und merkt, der ist einfach auch nur Mensch. Sogar der Arzt (lacht schelmisch), denn der ist ja in meinem Programm der Fremde, vor dem man Angst hat.

 

Ich glaub allerdings nicht, dass durch Nachdenken und Grübeln etwas besser wird. "Grübeln" ist etwas, das mit Starre und Stagnation zu tun hat. Mein Programm soll aber bewegt sein! Ich  wünsch mir, dass jemand an den Eigenheiten des Akzents wiedererkennt, ob ein Mensch Perser oder Inder ist - wie sie in meinem Programm vorkommen, und statt Angst Freude empfindet. Dann hab ich schon viel gewonnen und bin glücklich.

 

Du faszinierst mich in deinem Programm auch durch deine Pantomime. Ist diese Fähigkeit ebenfalls "Naturtalent"?

Also Spaß hab ich schon dabei, blöde Gesichter zu ziehen. Aber spezifische Ausbildung hab ich da keine, wie ich überhaupt wenig professionelle künstlerische Ausbildung besitze. Auch musikalisch ist das alles autodidaktisch, sei es jetzt Klavier oder Gitarre. Mit 6 Jahren hab ich auf dem Flügel meiner Großmutter zum Klimpern angefangen, Wie meine Eltern gesagt haben "lass das", hat mich das umso mehr motiviert (lacht). Ich Ich kann zwar nicht wirklich Noten lesen, habe aber großen Spaß beim Musizieren. Musik ist aber ein äußerst intensives Hobby, mein Zimmer ist ein wahres Musikparadies. Ich will immer wieder neue Instrumente erlernen, sobald ich ein Instrument beherrsche, fasziniert  mich schon wieder das nächste. Gelernt habe ich: Klavier, in der Pubertät natürlich Gitarre, Saxophon, Altsaxophon, Querflöte. Dann war ich sogar Schlagzeuger in einer Punkband. Aber mein Referenzinstrument ist das Klavier. Das ist schon eine "Liebesbeziehung", die mir meine Frau erlaubt.

 

Du bist ja Azubi zum Facharzt für Kinderchirurgie. Bleibt da überhaupt Zeit für Kabarettauftritte?

Die Zeit, die ich für die Auftritte brauch, ist ja so, wie andere Leute fürs "Weggehen" brauchen, also das ist durchaus vereinbar.

 

Das heißt, das Kabarett ist für dich nicht Ausgleich zum Beruf, weil du mir ja erzählt hast, dass du genauso mit Leidenschaft Arzt bist. Kabarettist und Arzt sein - das sind also einfach zwei Teile deiner Persönlichkeit.

Sehr gute Frage, sehr gute Antwort (lacht). Ich bin hauptberuflich Arzt UND Kabarettist, das gehört beides zusammen, ich mag beides nicht missen.

 

Als Kabarettist braucht man ja, ohne Frage, einfach auch eine Portion Talent. Ist das für den Arztberuf ebenfalls wichtig?

Ja, auf jeden Fall. Und vor allem Hingabe! Gerade in der Kinderchirurgie brauch man ein gewisses handwerkliches Geschick und räumliches Vorstellungsvermögen. Daher haben viele Chirurgen hobbymäßig auch etwas mit Handwerk zu tun. Bei den Kinderchirurgen ist übrigens die Frauenquote nahezu ausgeglichen! Im Übrigen sehe ich eine gewisse Ähnlichkeit zwischen dem Inkontakttreten mit dem Publikum als Kabarettist und mit einem Kleinkind als Arzt: Es muss offen und ehrlich sein.

 

Was hältst du eigentlich von klassischem Ärztekabarett?

Den klassischen Arzt, der auf der Bühne steht und medizinische Weisheiten von sich gibt, mag ich gar nicht. Ich hab mich lange mit dem Titel meines Programms geplagt, weil er eventuell das Publikum auf die falsche Fährte locken könnte. Aber der ursprünglich geplante Titel "Schließmuskelkater" wäre wohl zu heftig gewesen ...

 

Weil du Ärztekabarett kritisierst: Wie gehst du persönlich mit Kritik um?

Ich möcht, dass die Menschen immer ehrlich sind. Wenn's negative Kritik gibt, dann nehm ich mir das schon zu Herzen und leide darunter. Aber wenn ich aufhöre, Kritik anzunehmen, dann kann ich nicht mehr lernen. Sofern es substanzielle Kritik ist, hat sie mich immer weitergebracht. Was ich überhaupt nicht mag, wenn einmal ein Abend nicht so rund läuft, und trotzdem dir Leute auf die Schulter klopfen und meinen, "es war so wunderschön". Ich find, die Arbeit des Kritikers, der schon auch nörgelt, ist ganz wesentlich für die Künstler.

 

Noch eine abschließende Frage: Was war eigentlich vorher da? Der rote Faden der Geschichte, oder die sketchartigen Szenen?

Es gab zum Zeitpunkt der Titelfindung zwar schon sehr viele Ideen, aber der rote Faden ergab sich erst ganz zum Schluss. Ich bin an sich kein Freund von roten Fäden. Meine Regisseurin ist eine Meisterin darin, die Sequenzen magisch mit einem roten Faden zu verbinden. Allerdings hab ich dann 3 Wochen vor der Premiere gemerkt, dass mir das ganze Korsett so starr war, dass ich keinen Spaß mehr hatte., Vieles, was mich ausgemacht hat, war nicht mehr dabei. Wir haben daher das komplette Konzept abgeändert, sodass ich wieder mehr Möglichkeiten hab "auszusteigen". Es ist nun viel weniger Looper, also weniger Technik, dabei. Ich will jederzeit das Instrument in die Hand nehmen können, spontan neue Lieder spielen oder andere streichen - die Freiheit wollt ich mir nehmen. Für das Publikum ist es doch auch nett, wenn es weiß, heut war's besonders, und nicht: heut war es wie immer. Ich möchte immer beim Publikum sein, das ist der kleine Dank, den ich dem Publikum zurückgeben kann.

 

Ein schöneres Schlusswort kann man eigentlich nicht finden. Ich danke dir fürs Gespräch und freue mich schon auf das Revival von "Eule und Pflicht " im Niedermair!

 

DieKleinkunst-Redakteur Markus Freiler

 

 

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Kabaraett Niedermair