Im Gespräch mit Gery Seidl

(c) Gary Milano
(c) Gary Milano

Nach drei jahren feierte Gery Seidl mit seinem neuen Programm "Sonntagskinder" am 26.1. Premiere im Wiener Stadtsaal. DieKleinkunst-Redakteure Gerd und Marion Kern trafen ihn am Tag darauf zum Gespräch, in dem es u. a. um Freigeister, Kabarett-Preise und seinen Optimismus ging.

 

 

 

Was ist dein Verständnis von Kabarett, was macht Kabarett aus?

Für mich ist der Unterschied zwischen Kabarett und Theater, dass ich mir beim Kabarett erwarte, dass der, der mir etwas erzählt, die Texte selber geschrieben hat – also die Authentizität. Als Schauspieler versteckt man sich hinter einem Autor oder Regisseur. Die meisten Kollegen schreiben ja selber. Das ist die Königsdisziplin – mit einem selbst geschriebenen Text rausgehen und zwei Stunden alleine mit der Sprache zu arbeiten, das ist Kabarett für mich. Ich mache auch keinen billigen Schmäh, ich erzähle Geschichten.

 

Und ich brauche schon etwas, wo ich mir denke, das ist ein anderer Blickwinkel auf die Welt, oder ein anderes Modell. Mein großes Privileg ist, ich bin unsubventioniert – ich kann sagen, was ich will.

 

Sind Zeiten wie diese – Stichwort Hofer oder Trump – für einen Kabarettisten einfacher oder schwieriger?

Ich weiß es nicht, ich glaube diese Typen sind austauschbar und heißen einfach immer anders. Ich bin überzeugt, dass man mit derselben Energie unter anderen Vorzeichen die Welt verändern kann. Leute, die im Netz ihrem Hass Luft machen (so wie „Willi36“ in meinem Programm), haben wir als Gesellschaft irgendwo verloren.

 

Ich glaube, in uns steckt so viel drinnen, und ich lasse mir auch von den Medien nicht mehr madig reden, was uns alles nicht gelingt in unserem Land, weil extrem viel gelingt. Die Sozialdemokratie sollte es endlich schaffen, dass das Abdriften in die Selbstverständlichkeit einfach nicht geht. Es gibt Bücher, online-Texte und so weiter, man muss sie nur lesen! Bildung ist eine Holschuld, und wenn die Eltern auslassen, gibt es ja die Schule. Der neue Bildungsplan ist sogar rückschrittlich! Schule ist wirklich das Letzte in der Nahrungskette. Das Potenzial ist da, es wird nur medial zusammengehaut.

 

Sind das auch Dinge, die einen Kabarettisten antreiben?

Nicht explizit, das lasse ich aus. Wir suchen gerade, weiter sind wir noch nicht. In 200 Jahren werden sie lachen, wie deppert wir waren. Ich glaube, es ist ein Prozess. Und die Politik ist ein Spiel.

 

Du bist so optimistisch – sind die Menschen im Lauf der Zeit besser geworden?

Ich denke schon. Auch in den Kriegen haben Menschen Andere versteckt. Ich glaube nur, das Schlechtreden ist lauter und hat mehr Nährboden. Ein wunderbarer Urlaub, aber! Das eine Abendessen, das nicht gepasst hat … Wir jammern gern. Wut haben wir genug.

 

Wie bist du denn überhaupt zum Kabarett gekommen? Wann hast du dein Talent dazu entdeckt?

Immer schon, aber das war natürlich kein Beruf für meine Eltern. Deswegen habe ich ja sieben Jahre HTL gemacht. Ich passe in kein System. Als Freigeist hast du in einer Schule nichts verloren. Für meine Tochter haben wir eine Montessori-Schule gefunden. Die hat mehr Struktur, als man glauben würde. Ich hatte immer Probleme mit Gehorsam, den ich nicht verstehe.

 

Ich habe dann auch moderiert, das war immer schon meins. Und dann habe ich es salonfähig gemacht mit Herwig Seeböck. Der war mein Lehrer, ich war sein letzter Schüler. Der hat alles verstanden, er war wie ein Lexikon, den hat man alles fragen können.

 

Wie kamst du als Bauleiter zu Herwig Seeböck?

Indem ich ihn angerufen habe. Ich habe damals mitbekommen, dass Düringer und die Anderen vom Schlabarett bei ihm waren, und ich hab einen Termin bekommen. Dann hab ich mich durch die Stadt gestaut, läute an, da macht mir eine Frau auf – seine Schwiegermutter – und sagt, er ist nicht da. Am nächsten Tag ruf ich ihn an, mach mir wieder einen Termin aus, läute dann wieder an, wieder nichts. Ich ruf ihn an, sage ihm die Meinung auf den Anrufbeantworter und leg auf. Dann sehe ich, es ist fünf vor, ich war etwas zu früh. Ich hab dann was getrunken, und nochmal angeläutet – diesmal hat er aufgemacht. Er hat gemeint „Bewahr dir deine Art, so kommst' weiter!“ Wir haben zehn Minuten geredet und er hat gesagt „Passt, bist dabei“ - und ich war in seiner kleinen Schauspieltruppe, weil wir uns gespürt haben.

 

Wie lange?

Da waren wir vier bis fünf Jahre. Aber es war keine Schule, wir haben uns um ihn geschart und gesagt, gib uns Unterricht. Wir haben Vereinslokale gemietet oder Keller, auch mal in einer Wohnung geprobt. Ein Rebell!

 

Was haben deine Eltern zu der Entwicklung gesagt?

Irgendwann hat mein Vater gesagt „wenn der Gery was macht, dann passt das.“

 

Wie kommt man dann das erste Mal auf die Bühne?

Ich hab zuerst Duos gespielt, mit dem Gerhard Walter, manchmal auch zu viert, aber zwei sind dann abgesprungen. Am Anfang hat der Herwig noch eine deiviertel Stunde lang gelesen, wir hatten nur eine Halbzeit! Iim Amerlinghaus, da sind nur sieben Leute gekommen. Vier Jahre lang, wir haben zwei Programme gemacht. Dann hat der Gerhard den Wunsch gehabt, nach Amerika zu gehen, und hat das auch gemacht. Ich nicht, und habe ein Soloprogramm geschrieben. Begonnen hab ich im Niedermair, das ist DAS Kabarett-Theater überhaupt, und ganz wichtig in der Szene. Das Theater am Alsergrund auch, aber dort habe ich nie gespielt. In der Gruam bin ich auch aufgetreten.

 

Ich werde oft gefragt, ob es für mich eine Konkurrenz gibt – die habe ich nicht. Erstens ist das mein Hobby, und das geht nicht. Wenn jemand wo auftritt und die Bude anfüllt und die Leute beglückt rausgehen, gehen sie wieder hin.

 

Bei kleinen Bühnen ist ja auch eine ganz andere Atmosphäre ...

 … Dort gehört es eigentlich hin. Ich habe mit ein paar Leinwänden auch gespielt, aber das ist nicht dasselbe, vor allem wenn man in deutschen Verhältnissen denkt – 12.000 Leute oder so – dort gehört es nicht hin. Die Nachfrage würde mich mehr freuen als es dann durchzuziehen.

 

Was erwarten Sie sich von einem Programm?

Ich erwarte mir generell wenig. Einfach ausprobieren, sonst erwartet man sich zuviel. Einfach machen.

 

"Aufputzt is" ist ja inzwischen ein Klassiker!

Weil es temporär ist, das gehört irgendwie dazu. Da gibt es Leute, die kommen zum vierten Mal.

 

Sind auch wieder Duos geplant?

Witzig, darüber habe ich auch schon nachgedacht. Es wäre denkbar, aber nur mehr temporär. Ich brauch auch meines, sonst wird es zuviel. Ich habe auch 40 Lieder zu Hause liegen. Ich würde gern Lieder singen, habe aber keine Bühne dafür.

 

...und sie einzustreuen?

Das habe ich schon probiert, aber das ist ganz etwas Anderes. Und nur die Musik gehört hier nicht her, das passt nicht zur Erwartungshaltung des Publikums. Auf der Gitarre kenne ich 14 Griffe und die klingen alle gleich. Also müsst das auch jemand musikalisch betreuen.

 

Thema Tour für die Sparkasse – was macht man so alles als Kabarettist, und was macht man nicht?

Ich mache Einiges nicht. Für mich ist es so, dass man nicht seine Seele verkauft, es muss passen für alle. Die Sparkasse war für mich der Bringer, weil die Leute haben micht dort gesehen und sind dann gekommen, weil sie mich schon gekannt haben.

 

Explizit würde ich zum Beispiel für den Herrn Glock nicht spielen. Alles, was moralisch nicht vertretbar ist. Aber man muss sehr aufpassen, weil wenn du willst, kannst du jedem etwas umhängen. Sogar eine Tierschutzorganisation, die einmal mit Geldern nicht gut umgeht, kann negativ wirken – das ist ein Damoklessschwert, und du bist dabei.

 

Wie ist das mit anderen Medien, Fernsehen zum Beispiel?

Ich schaffe den Spagat, und man lässt mich ihn machen. Ich war zuerst beim ORF – bin dreimal bei "Was gibt es Neues" gesessen – aber ich bin ein Freund davon, Sachen auszuprobieren, alles, was ich nicht kenne. Ich würde gern jeden Job zwei Tage lang ausprobieren, weil jeder Job seine Geheimsprache hat und eine ganz andere Sicht der Dinge vermittelt.  Es ist auch die Zusammenarbeit mit einem super Team, wir sind wie eine große Familie.

 

Und es steht nicht im Widerspruch zum Kabarett?

Die Angst habe ich gehabt, dass du sehr schnell im Gaudiwinkel bist, und es haben mir auch Einige abgeraten. Aber ich hab mir gedacht, mach's, probier's aus, ich schade ja niemandem. Wenn es nichts wird, höre ich wieder auf. Und die Show sehen alle, quer durch.

 

Alles was ich mache, ist eine Momentaufnahme. Wer weiß, was in drei Jahren ist – vielleicht spiele ich in der Stadthalle, vielleicht ga rnicht mehr, oder ich mache ein Wollgeschäft auf ... Die Möglichkeit und die Freiheit, alles machen zu können, würde ich nie wieder aufgeben.

 

Wie wichtig ist das für die Finanzierung?

Leben tu ich vom Kabarett.

 

Und DVDs?

Kaum. Die sind für mich wie digitale Visitenkarten. Was mich besonders freut an der Edition Hoanzl ist, dass ich in einer Reihe mit Namen wie Karl Farkas genannt werde. Das ist schön! Hat für die Welt keine Bedeutung, aber für mich selbst, das bügelt das Ego auf.

 

Wie wichtig sind Preise – du hast ja schon einige gewonnen, zuletzt den Salzburger Stier...

Das ist der Oscar! Auf den bin ich sehr stolz, weil es etwas ist, das von außen kommt. Da hat man das Gefühl, man ist Teil einer Szene, und die nimmt mich wahr.

 

Hat das Effekte auf das Publikum?

Wenig – das bekommt kaum jemand mit. Aber ich war zu Tränen gerührt, in der Riege derer zu stehen, die diese Auszeichnung haben.

 

Du bist in Höflein geboren und lebst jetzt dort ...

Meine Frau und ich waren dazwischen in Wien – sie wollte gerne hier leben – und haben uns Dachgeschoßwohnungen angeschaut, aber die Preise waren erschreckend. Und ich habe gesagt, du bist Architektin, ich war Bauleiter, wir stellen dieses Haus jetzt hin. Und wenn es uns dann dort nicht taugt, vermieten wir es und nehmen uns eine leiwande Wohnung in Wien. Aber inzwischen taugt es uns voll, meine Tochter geht im Nachbarort in die Schule. Wie alles ist auch das temporär, aber jetzt gerade passt es. Ich muss jedenfalls Wasser haben, deswegen ist auch die Nähe zur Donau wichtig.

 

Wie schaut die Tour mit dem Programm aus?

Zuerst sind wir ein paar Wochen in Wien, und dann fahren wir durchs Land, vorwiegend Niederösterreich. Deutschland/Schweiz hat ohne Nachhaltigkeit keinen Sinn. Nachdem meine Tochter jetzt acht wird und ich wahnsinnig gern zu Hause bin, vielleicht in fünf Jahren. Derzeit sind wir in Österreich völlig ausgebucht. Letztes Jahr haben wir 50.000km zurückgelegt.

 

Schaut sich deine Tochter auch die Programme an?

Wenn sie sie nicht verschläft. Ja, sie schaut sich das an und der eine oder andere Satz ist von ihr.

 

Ist sie auch so ein Freigeist wie du?

Na, die wird uns noch Einiges anschauen lassen! Und sie ist bis dato ohne Angst aufgewachsen. Und in der Schule gibt es einfach keinen Druck, das ist ein ganz anderes Lernen. Das sieht man ja auch in anderen Ländern, in Schweden zum Beispiel. Dort funktioniert das, da sollten wir uns etwas abschauen. Aber nicht umbasteln, sondern einfach ein ganz neues System aufbauen.

 

Aber dein ungebrochener Optimismus bleibt ...

Ja, der ist da – die Anderen sind nur lauter. Es gibt ganz viele positive Beispiele, und die Leute werden auch wieder zusammenrücken. Diese leichte Blauäugigkeit tut mir gut.

 

Na dann danke für das Gespräch und alles Gute für deinen heutigen Auftritt!

 

 

 

DieKleinkunst-Redakteurin Marion Kern & DieKleinkunst-Redakteur Gerd Kern

 

 

 

Gery Seidl