28.1.2016  Radeschnig: Zimmer, Küche, Kabinett

© Peter Sihorsch
© Peter Sihorsch

Selten hat DieKleinkunst-Redakteur Markus Freiler so viele Kabarettisten im Publikum gesehen, wie bei der Premiere von RaDeschnigs neuem Programm "Zimnmer, Küche, Kabinett" im Theater am Alsergrund. Kabarettbesuche sind wohl für die Figur, welche Radeschnig in ihrer Geschichte darstellen, unvorstellbar, denn diese betreibt Eskapismus. Warum, dies erfahren Sie hier.

 

 

Die Radeschnig-Zwillinge erscheinen in zitronengelben Kleidern auf der Bühne. Farbpsychologisch steht ja Gelb für Heiterkeit, Schwung und Lebenskraft. Das steht im krassen Gegensatz zu der kraftlosen und introvertierten Medizinstudentin, von welcher dieses Stück handelt. Sie beginnt nämlich den Tag, nach einem Blick aus dem Fenster, mit einem inbrünstigem "Wäääh!", als Ausdruck ihrer Abscheu vor der grauslichen Außenwelt.

 

Wenn wer hier Gelbaspekte aufweist, dann sind es die zitronensauren Kommentare von Personen ihres (ehemaligen) Lebensumfelds, wie ihre übermächtige Schwester Kerstin ("du hast di ja bequem per Kaiserschnitt außeschaufeln lossn"), oder die schrullige Medizinprofessorin ("Verlassen Sie endlich endlich die Milz, oder poetischer: Verlassen Sie endlich die Universität!").

 

Nicht sie hat das Leben, sondern umgekehrt, das Leben hat sie fest im Würgegriff - symbolisch würgt sie sich unabsichtlichlich bei ihrer MOGY mit dem Theraband. Diese Szene  zeigt das clownesque Talent der Zwillinge. Womit ich bei einem grundsätzlichen "Problem" als Kritiker bei den Radeschnigs angelangt bin. Egal, ob Lob oder Tadel, im ihrem Falle kann man dieses immer nur beiden aussprechen. Auf der Bühne sind sie eine ICH-AG sozusagen.

 

Wie ist aber nun das ICH der in Rückzug lebenden Studentin charakterisiert? Einerseits wird ihr Charakter in sketchartigen Szenen äußerst humorvoll skizziert, andererseits werden ihre schlechten "Seiten" in einem Moll gestimmten Lied thematisiert. I.w.S. des Wortes, denn während die eine spielt, manipuliert die andere an den Wirbeln der Gitarre und verstimmt sie - wirklich schräg!

 

Die hohe Musikalität ist eines der Qualitätssiegel der Radeschnig-Schwestern. Ihre Musikstücke sind nicht Teile eines platten Musikkabaretts, sondern unterstreichen jeweils gekonnt die Stimmungen und Gedanken der Spielszenen. Als eines der musikalischen Highlight des Abends gilt für mich die Loopstation-Szene. Die besorgten Eltern hatten sie mit diesem "Instrument" zum Geburtstag beglückt, weil sie vor ihrem Rückzug aus der Realität mit Leidenschaft musizierte. In dieser genial-skurrilen Szene übernimmt die eine der beiden Schwestern den Part des Loopers. Gekonnt ist auch das Spiel von You Tube-Videos, in welchen die Radeschnig-Sisters den musikalischen Werdegang der Rückzüglerin satirisch darstellen.

 

Die Regie betreffend ist diese Looper-Szene nicht der einzige kreative Einfall. Immer wieder steht eine der beiden mit dem Rücken zum Publikum und bietet die "Synchronisationstimme" für dritte Personen oder kommentiert das Spiel der anderen. Damit wirkt das Spiel der anderen fast puppenhaft, womit unverkennbar die Handschrift von Regisseur Nikolaus Habjan zu sehen ist.

 

Thematisch geht es in "Zimmer, Küche, Kabinett" um den Rückzug in die eigenen vier Wände, weil frau mit den Spielregeln der reellen Welt nicht mehr zurechtkommt. Dies drückt sich durch Erstarrung in stressigen Situationen aus, sei es z.B. bei Magenoperationen oder beim Eiskauf. Die Abschottung im eigenen Kabinett kommt jedoch ebenfalls einer Erstarrung gleich, denn man kann, auf die Außenwelt bezogen, weder etwas verlieren, noch gewinnen.

 

Fassungslos steht unser Realitätsflüchtling auch der virtuellen Welt gegenüber. Mit viel Ironie werden die Auswüchse des W.W.W. beleuchtet, In Plattformen wird diskutiert, wie man von der Depression zum Burnout kommt. In Foren wird darüber gevotet, wann es Zeit ist für ein "Buzti". In Channels reüssiert eine ehemals unscheinbare Schulkollegin mit "Cook the book", in welcher sie die "Crossatility" ihrer Insektensnacks marktschreieerisch bewirbt.

 

Mit "Zimmer, Küche, Kabinett" ist es Radeschnig gelungen, ein so sensibles und ernsthaftes Thema, wie die Übeforderung des ICHs mit den Regeln und dem Erfolgssdruck der Gesellschaft, gleichsam intelligent, wie äußerst humorvoll aufzuarbeiten. Ihr neues Programm ist es alle Mal Wert, sich aus dem eigenen Kabinett zu wagen und  mit "Zimmer, Küche, Kabinett" Mut zu schöpfen, den Schritt in die große weite Welt zu wagen.

 

DieKleinkunst-Redakteur Markus Freiler

 

 

Radeschnig

 

Theater am Alsergrund