09.02.2016  Omar Sarsam: Diagnose Arzt

© WZ/Moritz Ziegler
© WZ/Moritz Ziegler

Dr. med. Omar Sarsam hatte letzten Dienstag eine zusätzliche "Dienstzeit" im Kabarett Niedermair ausgefasst - nämlich die Premiere seines Solostücks "Diagnose Arzt". DieKleinkunst-Redakteur Markus Freiler nahm diesen Ordinationstermin wahr, in der Hoffnung, Omar Sarsams Auftritt könnte des Redakteurs subdepressive Winterstimmung aufhellen. Es sei vorweggenommen: Die Wirkung von Sarsams Programm kann euphorische Stimmungslagen verursachen!

 

 

Zugegeben, ich bin nur schwer für Ärztekabarett zu begeistern, da ich selbst berufsbedingt tagein tagaus mit Ärzten und Patienten zu tun habe. Auch wenn ich meinen Beruf liebe, da will man abends nicht noch mehr von alledem haben. Jedoch erlebte ich Omar Sarsam bereits im Rahmen der "Probefahrt" im Niedermair. Aufgrund seiner charmanten und humorvollen Moderation dieses Formats, war es für mich ein MUST, sein Soloprogramm zu sehen.

 

Omar Sarsam überrascht inhaltlich vor allem im ersten Teil von "Diagnose Arzt", da hier eher wenig vom Mediziner-Schmäh zu hören und zu sehen ist, Die Spitalsumgebung dient praktisch nur als Initialzündung, im wahrsten Sinn des Wortes, um über seine Kindheit und Jugend zu erzählen: Mittels transcranieller Stimulation wird sein limbisches System aktiviert, und er fällt in einen Traumschlaf mit Kindheits- und Jugenderinnerungen (nobelpreisverdächtig, wäre von außen eine gezielte Stimulation dieser tief liegenden Hirnregion möglich ...).

 

Ich weiß zwar nicht, wie viele Auftritte als Kabarettist Omar Sarsam neben seiner beruflichen Tätigkeit als Chirurg hat, aber seine Art, auf der Bühne zu agieren, ist äußert professionell und gleichzeitig unterhaltsam. Leider gibt es auch Künstler, die trotz Schauspielausbildung und diverser Seminare bei ihren Premieren "abstinken", weil ihnen das Timing und das Gefühl fürs Publikum fehlen. Omar Sarsams besitzt all diese Fähigkeiten! Seine Auftritte vermitteln eine erfrischende Leichtigkeit und sein Fundus an künstlerischem Können ist prall gefüllt.

 

Ein großes Plus ist sein parodistisches Talent. Heutzutage stellt man sich unter einer Nanny ein Kindermädchen vor, welches mehrere Sprachen perfekt beherrscht, mit Modelfigur und erotischer Stimme. Sarsam dreht den Spieß um: Er persifliert sie als jugoslawische Nanny Milanka mit Fistelstimme und rigidem "Wortschatz", welcher sich auf lediglich fünf Fürwörter beschränkt. Milanka erzählt mit diesem reduzierten Vokabular eine komplette Geschichte - einfach zum Brüllen komisch.

 

Omar Sarsam überzeugt als begnadeter Geschichtenerzähler, wenn er den irakisch-österreichischen Kulturen-Clash, den er in seiner Kindheit und Jugend erlebte, humorvoll schildert und beweist sein Sprachgefühl bei diversen Parodien: Er mimt den arabischen Stolz des Vaters ("Die Araber haben alles erfunden: Das Rad und alles andere") und stellt den Hang zum Extravokal des Persischen dar (aus "Stress" wird Ästäräss"). Im Restaurant seines Vaters begegnen wir einem holländischen Mitarbeiter, welcher alle Worte "zusammenknödelt" oder einem indischen Koch, dessen großes Küchengeheimnis Ghee ("alde Buddha") ist.

 

Omar Sarsam besitzt die Gabe, über intimsten Dinge, wie Harnröhrenabstrich, Ejakulationsprobe und Zirkumzision, humorvoll zu erzählen, wird dabei aber niemals peinlich oder vulgär, viel mehr sind seine Erzählungen zwerchfellerschütternd komisch.

 

Auch musikalisch zeigt Omar Sarsam mehr als nur Talent. Mit Gitarre oder am Keyboard bietet er zahlreiche parodistische Songs und wirkt auch stimmlich äußerst wandlungsfähig, wenn er z.B. einmal grönemeyert und im nächsten Moment an Udo Jürgens oder Herman von Veen erinnert. Durch seine gewinnende Art gelingt es ihm sogar, das Publikum zum Mitsingen zu animieren, ja sogar mit arabischen Wörtern, welche akustisch eher nach Four-letter words klingen, in einem Song über eine unglückliche Jugendliebe.

 

Wenn an seinem Programm etwas zu bemängeln ist, dann dass zu Beginn der zweiten Hälfte der rote Faden der Geschichte etwas verloren geht und die Musikparodien zum Selbstzweck werden. Über diese dramaturgische Schwäche sehe ich jedoch gerne hinweg, denn Sarsams Songs sind für sich äußerst unterhaltsam und mich fasziniert immer wieder sein Sprachtalent, so z.B. wenn er in französischem Englisch eine Jazzsession hinlegt oder in afrikanischem Englisch humorige Aphorismen singt.

 

Meine "Diagnose" zu Omar Sarsam lautet: Genialer Kabarettist! Sein Programm ist das beste Medikament gegen hängende Mundwinkel. Eine Nebenwirkung könnte allerdings ein Zwerchfellmuskelkater sein. Ein Nachteil des Präparats ist jedoch zu befürchten: Gewöhnungseffekte im Publikum sind zwar nicht beobachtbar, allerdings steht es im Verdacht, Suchtpotential zu besitzen und zu wiederholtem Besuch des Programms, zwecks Dosiserhöhung, zu verleiten.

 

DieKleinkunst-Redakteur Markus Freiler

 

 

zum Gespräch mit Omar Sarsam

 

Omar Sarsam

 

Kabarett Niedermair