20.1.16  Lisa Eckhart: Als ob Sie etwas Besseres zu tun hätten

© http://www.alsergrund.com/
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DieKleinkunst-Redakteur Markus Freiler hatte nichts Besseres zu tun, als sich die Wien-Premiere von Lisa Eckharts erstem Soloprogramm im Theater am Alsergrund anzuschauen. In der detuschsprachigen Slam Poetry-Szene ist sie ja bereits ein Fixstern. Auch in der Kabarett-Landschaft beginnt Eckhart, als Mitglied der Langen Nacht des Kabaretts, bereits Fuß zu fassen. Beim Golden Kleinkunstnagel schaffte sie den Sprung ins Finale, wo ihr allerdings der Gewinn des Nagels verwehrt blieb. Ob sie mit ihrem ersten Solo das Publikum für sich gewinnen konnte?

 

 

In ihrem gereimten Prolog erklärt uns Lisa Eckhart, leicht näselnd, wie sie die Rolle der Kabarettistin sieht, nämlich die des "letzten Hofnarren".  Sie heißt zwar das Publikum "Willkommen in der Wirklichkeit", jedoch diese Realität, welche sie da in ihren endlosen Gedankengirlanden spinnt, ist nicht wirklich heimelig, eher hält die Närrin uns immer wieder zum Narren .

 

Dementsprechend sind auch ihre Schilderungen über ihre Kindheit am Land, wo sie bei ihrem Großvater aufwuchs, nicht von ländlichem Idyll geprägt, sondern voll von Zynismus gekennzeichnet. Ihrem Opa sei es ein Anliegen gewesen, dass sie mit "Literatur in Berührung" komme. Allerdings habe sie dabei Goethes Faust im wahrsten des Wortes kennengelernt, weil ihr mit dem Buch eine "gezunden" wurde. Hier sei erwähnt, dass Eckhart sich an diesem Abend den Luxus leistet, im Gegensatz zur Langen Nacht, auf die Performance ihrer Faust-Überschreibung (eine Transkription in tiefste steirische Mundart, und dies in Versen) verzichtet.

 

Tiefschwarz ist Ihr Humor, wenn sie die sadistischen Strafaktionen ihres Opas beschreibt (sinnlose Tätigkeiten, um sich möglichst wertlos zu fühlen), oder die politische Haltung der Dorfbewohne als "Naziphismus" bezeichnet (Gegen den Krieg gewesen zu sein, aber für Hitler), oder die Familienbande charaktisiert ("Der Stammbaum ist ein Kreis"). Spätestens als studierte Germanistin fühlt sie sich in ihrer "Heimat" als "Kind, das der Feind im eigenen Haus ist" und beschließt, nach Berlin zu ziehen, um dort als ausländische Slampoetin "verbitterte Reden" zu halten.

 

Lisa Eckharts Wortlawinen, welche erbarmungslos auf das Publikum niederbrechen, sind nicht Gags zum Schenkelklopfen. Eher von der lustigeren Sorte ist noch ihre Umdichtung des politisch unkorrekten Hatschi Bratschi-Märchens in die Hatsche Stra(ts)che-Geschichte, dem Retter des Abendlandes.

 

Eckhart betreibt immer wieder gedankliche Spießumkehr und liebt es, das Publikum zu verstören. Sie beschreibt sich selbst als "Wirtschaftflüchtling",  als Künstlerin lebe sie aus steurerlichen Gründen in Berlin. Sie erkennt ähnliche Interessen zwischen  ÖSIS und ISIS und betrachtet daher WGs mit diesen als sinnvoll. Nicht Religions- sondern Mobbing-Unterricht sollte unsere Jugend fürs Leben fitter machen. Mit solchen und anderen No-Gos versucht Lisa Eckhart uns den Weg aus der Krise zu weisen. Mit spitzer Zunge verlautet sie die, für sie einzig gültige, Definition von Political Correctness: "Ich habe keine Ahnung".

 

Am Ende des Abends herrscht nochmals großer Reimalarm: Die drei großen Problemkreise "Finanzen", "Rassismus" und "Religion" werden in Versen im Nu einer Lösung zugeführt, wiewohl sie zu bedenken gibt, dass ihre Lösungsinflation zu neuen Problemen führen könnte ...

 

Lisa Eckhart entwickelt an diesem Abend einen Redefluss, welcher schon an Logorrhoe grenzt, dieser Begriff ist jedoch im Zusammenhang mit ihr sehr positiv gemeint - "Atemlos durch die Nacht" könnte der Untertitel ihres Erstlingswerks lauten. Inhaltlich will sie offensichtlich kein Wohlfühlprogramm (Wie es z. B. Ärztekabarett ist) bieten. Mephistophelisch speit sie Gift und Galle über provinzielle Scheinheiligkeiten und stellt unser politisches und moralisches Gewissen auf eine harte Probe.

 

Ohne Frage profitiert sie von ihren Erfahrungen als Slampoetin, denn die "Performance" ihrer Texte wirkt äußerst überzeugend. Möge man ihr etwas, im wahrsten Sinn des Wortes , anlasten, dann ist es ab und zu die gebeugte Haltung und der Blick zu Boden, als würde sie die Last ihrer schweren Gedanken nicht (er)tragen können. Ihr schwarzes Bühnenoutfit, ihre finsteren Gedanken und ihre Bühnenpräsenz bieten insgesamt keinesfalls das Bild der kuscheligen Sympathieträgerin des Kabaretts, viel eher ist Lisa Eckhart eine Künstlerin mit Ecken und Kanten, die vielleicht ungewollt ein neues Genre der Kleinkunst gegründet hat, nämlich das des "Gothic-Kabaretts" - und das ist als Zeichen ihrer Einmaligkeit zu sehen.

 

 

DieKleinkunst-Redakteur Markus Freiler

 

 

 

Lisa Eckhart

 

Theater am Alsergrund