8.6.2016  Katie La Folle: Die folle Wahrheit

© Markus Freiler
© Markus Freiler

Bereits im Rahmen des Goldenen Kleinkunstnagels 2015 fiel Katie La Folle mit ihrem Auftritt auf und wurde Publikumssiegerin. Wobei "IM Rahmen" wohl nicht die richtige Wortwahl ist, viel eher fällt sie durch ihr äußeres Erscheinungsbild und ihrer künstlerischen Melange aus Kabarett und Cabaret eher AUS dem Rahmen. Für DieKleinkunst-Redakteur Markus Freiler war es keineswegs verrückt im Spektakel Wien das komplette Programm "Die folle Wahrheit" endlich einmal zu erleben.

 

 

Wer ist das nun, die uns da so einen herzerfrischend ironischen Blick hinter die Bühnen einer Pariser Tanzrevue gewähren lässt? Wer verkörpert nun in dieser liebenswerten Weise diese verrückte Katie? Ihr Name ist Katrin Immervoll, allerdings nicht mit "F", sondern "V" und ohne "E" am Schluss. Sie ist ausgebildete Musicaldarstellerin und Operettensängerin. Das mag zwar ihre sängerischen und tänzerischen Qualitäten erklären - nicht aber ihren Schmäh. Dieser dürfte ihr sozusagen in die Wiege gelegt worden sein.

 

Es gehört schon ein Batzen Selbstironie dazu, sich in einem uncoolen pyjamaartigen Aufwärmdress auf die Bühne zu stellen und diverse tänzerische und gesangliche Aufwärmübungen aufs köstlichste zu persiflieren.  Wenn sie da so ihre Anekdoten aus ihrem Leben als Pariser Revuegirl erzählt, dann erinnert ihr Dialekt fast an Schönbrunner Deutsch und irgendwie an die junge Romy Schneider. Sie kann es aber auch durchaus deftiger, wenn sie in tiefster Seewinkler-Mundart ihre Gesangslehrerin imitiert ("Wia waunst in Seei bru....").

 

Wir müssen von ihr erfahren, dass der Alltag als Danseuse gar nicht so schillernd ist. Doch sie begegnet der ganzen Malaise mit Wiener Schmäh und hat da so ihre Tricks entwickelt, der Tristesse zu entkommen: Als "Pariser Reparatur-Bier" hilft ein Stück Zucker mit ein paar Tropfen Klosterfrau Melissengeist, wenn grad mal kein Schlückchen Champagner zur Verfügung steht. Und fällt der Start in den Tag besonders schwer, so motiviert sie sich, indem sie den klischeehaften Chanson von Pink Martini "Je ne veux pas travailler" zum "Zammreißn" singt.

 

Apropos Singen. Parodistische Chansons gibt es in diesem Programm gut und reichlich. Und diese Katie La Folle besitzt wirklich eine sensationelle Chanson-Stimme. Sie weiß aber auch textlich zu überraschen. So wird aus "La vie en rose" ein, auf wienerisch gesungenes "I kaun des Liad scho nimma hean", in welchem sie ironisierend und noch mehr berührend ihre Sehnsucht nach ihrem Wenzel in Wien ausdrückt. Ihr komödiantisches Talent zeigt sie, wenn sie in einer spätnächtlichen Skype-Session (eine bsoffene Gschicht) zur Melodie von "Non, je ne regrette rien" erfolglos ihren "Na Bärli-Bär" (an)ruft.

 

Mit jeder Menge Charme und Esprit parliert sie über ihr Potpourri an Erlebnissen in der Stadt der Liebe. Es reicht von ekelerregenden Kakerlaken bis zu "wunderbarem Käse" (wofür wohl dieser Code steht?!) am Eifelturm. Wir erfahren über die verzaubernde Wirkung von "Franglais" auf die Franzosen. Clownesque Momente entstehen, wenn sie uns das Vortanzen für eine Revue im zeitgenössischem Stil präsentiert. Katie La Folle kann aber auch nicht nur nett sein. Wenn sie von ihrer unsympathischen Arbeitskollegin Barbara erzählt, mutiert sie zum Prolo und bezeichnet sie als "Oaschkrezn". Symbolisch muss dann auf der Bühne eine Barbiepuppe für ihre Hassgefühle herhalten.

 

Natürlich darf als Höhepunkt des Abends - quelle surprise -  der CanCan nicht fehlen! Katie La Folles Definition: "Old-School Kardiotraining mit französischen Popscherln und Wiener Haxerln in Reizwäsche". Es gehört schon eine Portion Mut dazu, auf der beengenden Bühne des Spektakels diesen Gute Laune-Tanz zu wagen. Ob unsere verrückte Danseuse auch den eingesprungenen Spagat wagte, das verrate ich hier sicher nicht - denn Hingehen und Anschauen ist die Devise!

 

Katrin Immervoll ist mit der Figur der Katie La Folle ein toller Wurf gelungen und ist ihr auf den Leib geschnitten. Ihr Programm "Die folle Wahrheit" ermöglicht, in einer mehr als gelungenen Melange (Regie: Pamela Sinko) all die Facetten ihres Könnens zu zeigen: Singen, Tanzen und pointiertes Geschichtenerzählen mit Energie und Leichtigkeit zugleich.

 

 

DieKleinkunst-Redakteur Markus Freiler

 

 

P.S.: Das Programm bietet sich als echte Alternative zu den hysterischen Fußballübertragungen der EM in Frankreich. Im Moment ist Katie La Folle im Rahmen des Prater Variétés "Hereinspaziert" im Vindobona zu sehen.

 

 

 

Katrin Immervoll

Spektakel Wien