7.3.2016  Hagen Rether: Liebe

© ernesto gelles
© ernesto gelles

Seit 2003 ist der gebürtige Siebenbürgener Hagen Rether mit ein und demselben Programm "Liebe" unterwegs - ein Selbstläufer sozusagen. Warum dies so ist, wollte DieKleinkunst-Redakteur Markus Freiler herausfinden. Die Gelegenheit bot sich nun Im Wiener Konzerthaus. Als Gewinner des Deutschen Kabarettpreises und des Deutschen Kleinkunstpreises schaffte es der Chef-Satiriker spielend, den Mozart-Saal komplett zu füllen.

 

 

 

Wie beim Programmtitel, so setzt Hagen Rether auch bezüglich des "Bühnenbilds" auf Wertbeständigkeit: Ein Klavierflügel, "geschmückt" mit ein paar Bananen (Welche er im Laufe des Abends genüßlich verspeist), Putzmittel und -lappen fürs Klavier - mehr ist da nicht. Mit einem "Fang ma einfach an", welches vielleicht eher zur Selbstmotivation dient, betritt er die Bühne und setzt sich sogleich an den Konzertflügel. Nichteingeweihte würden sich erwarten, dass er nun sofort mit der ersten Musiknummer beginnt. Doch bei ihm ist am Anfang das gesprochenene Wort - und dieser "Anfang" dauert wahrlich lang, nämlich insgesamt 3 1/2 Stunden! Erst am Ende der beiden Spielhälften zeigt er seine hervorragenden Improvisationsfähigkeiten am Klavier.

 

3 1/2 Stunden, das verlangt selbst dem Rether-Fan einiges an Sitzfleisch ab. Dieses ist aber schon die einzige Fleischart, welche der "eingefleischte" Vegetarier an diesem Abend gut heißt. Wer so lange zu erzählen und sinnieren hat, der kommt natürlich nicht mit einem spartanischen Klavierstuhl aus, sondern ein komfortabler Bürostuhl dient als Dreh- und Angelpunkt seiner spöttischen Gedanken zu Politik und Gesellschaft. Er dreht sich lieber vom Klavier weg und wendet sich dem Publikum zu, um es mit seiner ätzenden Sozialkritik zu konfrontieren. Der Konzertflügel dient vorrangig nicht als Spielinstrument, sondern ist gewissermaßen der Anker, an welchem er sein persönliches Weltbild im Laufe des Abends vor dem Publikum ausbreitet.

 

Hagen Rether ist die Antithese schlechthin zum hyperaktiven Comedian. Ruhig und bedächtig webt er mit sonorer Stimme seinen Gedankenteppich und die Zuhörerschaft hängt bei jedem Wort an seinen Lippen. Immer wieder schweift sein Blick über das Publikum weg, als wolle er beweisen, welchen Weitblick und großen Horizont er besitze. Es steht natürlich außer Zweifel, dass dem Wissens- und Bildungsstande dieses Mannes keiner so schnell das Wasser reichen kann, und dennoch besticht sein Kabarettprogramm nicht nur inhaltlich, sondern auch formell. Bühnenbild und Dramaturgie sind Teil einer wohldurchdachte (Selbst)inszenierung. Und so ist es Rether über die Jahre gelungen, zur unnachahmlichen (Kabarett)stilikone zu werden, eine unverwechselbare Trademark sozusagen.

 

Der Ausgangspunkt seines Kamin-, nein, Konzertflügelgesprächs ist die "Freiheit", welche er bedroht sieht. Rether bezieht sich dabei aber nicht nur auf Länder, in welchen es kriegerische Auseinandersetzungen gibt, sondern auch auf das wohlstandsgesättigte Mitteleuropa. Fast gewinnt man den Eindruck, als führe er Selbstgespräche, wenn er über das Publikum hinwegblickt und sich immer wieder die Frage stellt: "Was ist los?! Warum machen wir das?!" Er führt uns vor Augen, dass die Verhaltensweisen von Politik und Gesellschaft von nicht hinterfragten Mantren geleitet sind. Ein beliebter Reibebaum ist einerseits Amerikas bigottes Verhältnis zur Sexualität ("Nipplegate") und andererseits die verheerenden Auswirkungen der liberalen Waffengesetze und die Allmacht des Kapitals.

 

Der zynischen Gesellschaftskritik ("Was reg ich mich auf!") stellt er das Wertesystem seines alternativen Weltbilds gegenüber. Nicht testosterongeschwängerte "Wutbürger" sollen die Welt retten, sondern Vegetarismus, Eigenverantwortung, Alertness, Weltoffenheit, Pazifismus und Weltoffenheit. Repräsentativ meint er immer wieder, man solle Frauen, Juden, Schwule oder Tiere doch "einfach in Ruhe lassen". Rethers Spezialität ist es, mit plakativen Vergleichen zu zeigen, dass uns die Medien eher ein "Zerr im Bild" der Realität ins Haus liefern. Ins Budget "eingepreiste" Auslandskriegeseinsätze würden zigfach mehr kosten als die Bewältigung einer Flüchtlingswelle. Des Künstler Aphorismen sind Legion und füllen so manches Zitatelexikom im Internet. Mein persönlicher Lieblingssager des Abends ist "Wählen ist wie Zähne putzen, wenn man's nicht, macht wird's braun". Recht drastisch führt er diverse Urängste ad absurdum: "Angst vor dem Islam... letztes Jahr sind 70.000 Deutsche an Alkohol krepiert - haben Sie Angst vor Riesling?"

 

Hagen Rether zählt nicht zu jenen Kabarettisten, die auf "die da oben" schimpfen und "uns" in der Opferrolle sehen. Nein, er nimmt uns in die Pflicht und verlangt von uns die Tranformation unseres Verhaltens, um eine bessere Welt entstehen zu lassen. Er ist im wahrsten Sinn des Wortes ein Aufklärer, will Gedankenklarheit schaffen, um alle den gesellschaftlicehn Fortschritt behindernden Strukturen zu überwinden. Auch wenn sein Predigtdienst manchmal von oben herab wirkt, lässt sich sein Wertesystem der Welt tatsächlich auf den Begriff "Liebe" subsummieren. Klingt einfach, ist es aber nicht. Herzensbildung und kritische Vernunft wären eine der Ansatzpunkte, um menschenverachtenden Fanatismus und blinden Religionseifer zu überwinden. Dank sei dem Messias des satirischen Kabaretts.  So gehen wir hin in Frieden, und er fordert uns auf, eine persönliche Dankbarkeitsliste zu erstellen. Quasi als Antidot zu der von ihm attestierten Grundaggression in der Gesellschaft.

 

So wie die gesamte Dramaturgie des Abends nie dem Zufall überlassen ist, ist es auch das Jammen am Ende des Abends: Es endet in Michael Jacksons Earth Song. Wer den Text des Songs kennt, weiß, prägnanter kann man Hagen Rethers Message nicht auf den Punkt bringen.

 

 DieKleinkunst-Redakteur Markus Freiler

 

 

Hagen Rether