29.02.2016  Berni Wagner: Kitsch

© Moritz Ziegler
© Moritz Ziegler

Berni Wagner ist einer jener jungen Wilden, welche seit einigen Jahren mit ihrem Stil frischen Wind in die Kabarettszene bringen. 2013 hatte sein umjubeltes erstes Soloprogramm "Schwammerl" Premiere, Er gewann damit den Grazer Kleinkunstvogel und ist nun Teil der "Langen Nacht des Kabaretts" Nun folgt mit "Kitsch" im Kabarett Niedermair sein zweiter Streich. DieKleinkunst-Redakteur Markus Freiler war schon gespannt, in welche Richtung Berni Wagners Entwicklung geht und ob der Abend ein "kitschiges" Ende nehmen würde.

 

Berni Wagner weiß zu überraschen. Die Bühne wird in pinkes Nebellicht getaucht. Aus diesem erscheint der erblondete Kabarettist in schwarzem Anzug, und als Kontrast dazu zieren Flügelschuhe seine Füße. Er wirft in das Publikum einen Blumenstrauß, denn dort sitzen Olly und Jessy, das frisch vermählte Brautpaar. Im Hintergrund hängen herzförmige Just married-Luftballons. Er beginnt im ärgsten volksdümmlichen Schnulzenton mit entsprechender Instrumentalisierung am Keyboard ein Lied anzustimmen, in welchem alles wieder gut auf dieser Welt werde - "Träum, Baby, Träum".

 

Kitsch, lass nach! Der Titel des Programms ist erfüllt ... Das vorwiegend junge Publikum ist enthusiasmiert ob solch schräger Performance. Was ist der Grund von Berni Wagners Aufmachung? Er ist gleichzeitig der Trauzeuge und der MC der Hochzeitsfeier seines Freundes Oliver. Der Running Gag des Abends sind die Anekdoten über seine katastrophalen Auftofahrkünste, So war auch sein Zusammenstoß mit Jessy Schuld, dass sich die beiden kennenlernten, denn Olly ist Anwalt.

 

Seine Bühnenfigur führt uns auf einen rasanten, gleichzeitig verworrenen, Gedankenhighway. Seine skurrilen Gedankengänge erinnern eher an Texte einer Stand-up-Comedy, deren Bezugs- und Ausgangspunkte immer wieder seine Beziehung zu seinem Freund Oliver sind. Bernis Erzählungen führen in eine für mich fremde Welt. Da geht es um Magic Cards, die ins Testament miteinbezogen werden oder um Straight Edge Punk, Phänomene, die ich nicht kenne, weil sie aus einer anderen Generation stammen. Diese Erfahrung lässt mich mein Alter spüren - gar nicht kitschig :( Zu meiner Zeit hat man noch brav Autoquartett mit Supertrumpf gespielt und Punks waren noch echte Punks!

 

Berni Wagners geistiges Tempelhüpfen reicht vom Postmittelalter (die Postmoderne findet er fad), wo man begann, "nackte Frauen an die Decke zu malen", über das deftige Hochzeitspiel "Babyfüttern", bis zu zynischen Gedanken zum Diätfasten ("ein Hohn für die Hungernden der Welt. Die Dekadenz der Selbstkasteiung").  Er legt in seiner Parodie auf  seinen Freund Olly diesem philosophische Gedanken über das Sein oder nicht Sein in dieser ungerechten Welt in den Mund. Aber keine Angst, das Philosophicum endet nicht in Bierernsthaftigkeit, sondern mündet eher, mit Discoglitzer-Totenschädel in der Hand, in die Frage: Snickers essen oder nicht essen?

 

Gerade in der zweiten Hälfte könnte er seinen Freund Oliver als Anwalt gut gebrauchen. Denn Berni glaubt, einen Heimatvertriebenen (das ist, nach Hagen Rether, der korrekte Ausdruck für Flüchtlinge) überfahren zu haben. Was nun folgt, ist für mich, als FB-Verweigerer, ein Expresskurs in der Nutzung von Social Media. Alles wird gut und kitschig? Mitnichten, Berni Wagner führt uns mit einer gehörigen Portion Ironie vor Augen, wie böse man diese Medien einsetzen kann: Er sieht schon, wie in breiten Lettern in der Presse prangt "Politkabarettist rammt Refugee", in Facebook bricht ein "Shitstorm" über ihn einher, mit dem App "Jail-Time-Calculator" berechnet er sein Strafausmaß, Er lässt "Crowdfunden" für sein Flüchtlings-/Verkehrsopfer, möchte für dieses Unterfangen Graffiti-Sprayen oder er hashtagt auf Twitter. Gleichzeitig steht "Kitsch" nach der Pause aber auch für eine bitterböse Abrechnung über den Umgang der Öffentlichkeit, den Medien und der Zivilgesellschaft mit der Flüchtlingsthematik!

 

Formal spricht Berni Wagner mit seiner spintisierenden Art des Kabaretts eindeutig jüngeres Publikum an, welches an diesem Abend auch reichlich vorhanden ist. Dieses ist durchaus entzückt ob der Performance ihres Comedy-Idols und quittiert diese mitten drin immer wieder mit lauten "Wooh"-Rufen, was atmosphärisch wiederum eher an deutsche Comedy-Shows erinnert.

 

Manchmal fließen für mich Berni Wagners Gedanken etwas zu schnell und zu wenig akzentuiert  - Speed kills, sagt man wohl in diesem Fall. Insgesamt gefällt mir jedoch sein individueller skurriler Blick auf die Dinge der Welt, und ich oute mich hiermit als echter Wagnerianer. Hashtag!

 

 

DieKleinkunst-Redakteur Markus Freiler

 

 

 

Berni Wagner

 

Kabarerr Niedermair