28.4.2016  10 Jahre FM4 Ombudsmann: Ein Festakt

© https://www.facebook.com/HoseaRatschiller/photos/
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Zu einer FM4 Ombudsmann Dienstreise der besonderen Art trat letzten Donnerstag Hosea Ratschiller in den Stadtsaal an: Es galt das 10jährige Bestehen dieses Satireformats zu feiern. Zahlreiche Stargäste wurden zur Gratulation bei dem gerührten Jubilar vorstellig. Dem aufgekratzten Publikum wurde Satirisches, Musikalisches  und Literarisches geboten. Der heitere Abend wurde allerdings auch immer wieder durch nachdenkliche Töne zur Lage der Nation vor der anstehenden Bundespräsidentenwahl durchbrochen.

 

 

Frank Spilker von Die Sterne eröffnet mit dem Klassiker "Was hat dich bloß so ruiniert" (Akkordmäßig - Dylan lässt grüßen!) den Geburtstagsreigen. Keine nette Art mit so einem Text den Abend zu beginnen. Es ist zu hoffen, dass sich der Text nicht aufs Geburtstagskind bezieht, sondern auf unser "schönes" Österreich, welches durch die Ideen- bzw. Ideologielosigkeit unserer Chefpolitiker zu dem wurde, was es jetzt ist.

 

Da muss schon das Radio-Urgestein Stuart Freeman für ein humorvolles Warm-up sorgen. Mit einer gehörigen Portion Ironie erzählt er, als englischer Zuagrasta, von seinen anfänglichen Missinterpretationen der inhaltlichen Bedeutung von österreichischen Redewendungen, wie z.B. "Schau ma moi". Und dann betritt endlich, fast verlegen, DER Ombudsmann die Bühne. Fesch g'schnieg'lt und g'strieg'lt ist er: Beiger Anzug mit güldenem Mascherl, eine Lesebrille ziert sein Gesicht, und eine zeitlose Kunstlederaktentasche darf natürlich auch nicht fehlen.

 

Und er zeigt mir gleich zu Beginn welch geistiges Armutschkerln ich bin. X-mal war ich schon als Zuschauer im Stadtsaal und weiß aber nicht, in welch ehrwürdigen Gemäuern ich mich befinde. Der Ombudsmann klärt mich darüber auf, dass hier am 8.12.1867 der Arbeiterbildungsverein gegründet wurde.  Ein "Ombudsmann" ist per definitionem ein "Streitschlichter". Für mich erinnert aber Hosseas Alter Ego eher an ein poppigen Relaunch der Moderatoren der beliebten Radiosendung "XY weiß alles", welche bereits in den 50er Jahren von Rot-Weiß-Rot ausgestrahlt wurde.

 

Des FM4 Ombudsmanns unverkennbares Markenzeichen ist die pointierte Art mit welcher er die Zuhörerfragen beantwortet. Mit hoher dauererregter Stimme ergießt sich ein atemloser Wortschwall über die Zuhörerschaft und er verfängt sich in schier endlosen Gedankengirlanden, sodass man Angst bekommt, er könnte sich ihnen verirren. Letztendlich gelingt es ihm aber immer, die gedanklichen Widerstände der Rezipienten zu brechen und macht sie wehrlos gegen seine frechen Antworten.

 

Der nächste Gratulant, Petutschnig Hons, schwingt, im Gegensatz zum Ombudsmann, stilistisch nicht die feine Klinge, sondern eher den Vorschlaghammer. Wer ihn kennt, der weiß, dass dies mitunter wortwörtlich gemeint ist (Immerhin darf der Ombudsmann zeigen, was er für ein Pfundskerl ist, als der Hons Ziegelsteine auf seinem Bauch zertrümmert). Das soll aber nicht bedeuten, dass seine Pointen nicht minder von bissiger Gesellschaftkritik sind. Austrofred, in zitronengelbem Sakko, hingegen beherrscht die Galanterie, Er überreicht dem Geburtstagskind Blumen und bringt ihm ein Ständchen dar. Zur Musik von "Under Pressure" singt er einen Mischmasch aus "Rock Me Amadeus" und "Großvater". Natürlich darf bei einer Geburtstagsfeier eine (satirische) Laudatio nicht fehlen, Diese hält Lukas Tagwerker in der Rolle als österreichischer EU-Kommissar, der in einem unverständlichen Politkikerkauderwelsch, aufgrund örtlicher Desorientierung, thematisch die falsche Rede hält.

 

Wer aber ein pflichtbewusster Ombudsmann sein will, der muss bei all den Feierlichkeiten auch seinen Verpflichtungen nachkommen und eben Leserbriefe beantworten. Ein fiktiver Leser behauptet, dass nur die FPÖ sich um Obdachlose kümmere. Die provokante Frage des Ombudsmanns daraufhin, wie denn die Wohlfahrtsorganisation der FPÖ heiße, im Vergleich zur schwarzen Caritas oder der roten Volkhilfe?!

 

Mit vollem musikalischen Elan geht es dann mit dem vagabundierenden Künstlerkollektiv Nowhwere Train weiter. Es gelingt ihnen so richtig die Fete in Fahrt zu bringen.

 

Nach der Pause ruft der FM4 Ombudsmann einen Poetry Slam aus, in welchem "Österreichs Edelfedern, welche der toten deutschen Sprache noch irgendwo einen Sinn abtrotzen, ihre Klingen kreuzen". Dieser literarische Schwerpunkt der Feierlichkeiten ist nicht ganz überraschend, da ja Hosea Ratschiller eine seiner künstlerischen Wurzeln dem Poetry Slam entstammen.

 

Austrofred "referiert" über die Sicherung des Musikstandorts Österreich, weil der Pop- und Rockstandard am O.... sei. Andrea Maria Dusl, Kolumnistin, Filmemacherin und Zeichnerin, rührt  kräftig die Werbetrommel für ihr Buch "So geht Wien", in welchem sie mit trockenem Humor die Wiener Stadtseele beleuchtet. Richard Schuberth, u.a. Dramatiker und Kolumnist, liest einen "Hirtenbrief an die Gemeinde der Facebook-Gläubigen". Stefanie Sargnagel ist mit Abstand die jüngste Satirikerin in diesem "Battle der Kolumnisten" und punktet beim Publikum mit ihren erfrischenden unbekümmerten Texten, ihrer ganz eigenen Sprachmelodie, und mit ihrem Stolz auf ihre proletarischen Wurzeln. Martin Blumenau will uns von oben herab über politische Wahrhaftigkeit dozieren. überfordert damit eindeutig das Publikum und tritt somit ungewollt als Stimmungsneutralisator auf.

 

Klaus Werner-Lobo, Journalist, Autor, Clown und ehemaliger LAbg. f. Kultur und Menschenrechte, verzichtet auf Auszüge aus seinem neuen Buch "Nach der Empörung. Was tun, wenn wählen nicht mehr reicht". Er erzählt uns lieber, was einem widerfahren kann, wenn man zur Wahrung der Menschenrechte vorschlägt Grenzzäune zu durchschneiden: Eine Anzeige durch die FPÖ und daraus folgend strafrechtliche Verfolgung!!! Die Bereinigung von (menschenrechtlichen) Widerständen ist also kriminell? Das wird den Ombudsmann aber gar nicht freuen! Spätestens hier ist klar, dass mit dieser Veranstaltung, mit gutem Gewissen für die Wahl des "grünliberalen Wohlfühl-Teddy" Van der Bellen mobil gemacht wird.

 

Der Abend endet, wie zu Beginn, mit demselben fragenden Lied "Was hat dich bloß so ruiniert?". Für mich ist klar, dass damit unser politisches und moralisches Gewissen gemeint ist. Das Flüchtlingsproblem (eher Heimatvertriebene?!) kann man nicht dadurch lösen, indem man geistig (FPÖ) oder real (ÖVP/SPÖ) Zäune zieht. Des Wurzels Übel lässt sich wohl nicht mit Schrebergarten-Mentalität lösen, sondern indem man die großmachtpolitischen Interessen in den Flüchtlingsländern beim Namen nennt und die EU wirklich als sozialpolitische Union auftritt, und nicht bloß als wirtschaftliche Interessensgemeinschaft (Hauptziel: Profitmaximierung ohne Rücksicht auf menschliche Verluste).

 

Es ist Hosea Ratschiller zu wünschen, dass das nächste runde Jubiläum des FM4 Ombudsmanns nicht von realpolitischen Dringlichkeiten überlagert ist, sondern einfach Blödelei auf hohem Niveau Platz hat.

 

 

DieKleinkunst-Redakteur Markus Freiler

 

 

 

Hosea Ratschiller

 

Stadtsaal