6.10.2016  Vitus Wieser: Gangster

© Roland Ferrigatto
© Roland Ferrigatto

Was machen SchauspielerInnen, wenn sie es auf der Bühne oder im Film und Fernsehen noch nicht zum Megastar gebracht haben?  Richtig! Man versucht sich als Kabarettist. So auch im Falle von Vitus Wieser. Mit seinem Erstlingswerk "Gangster" feierte er nun seine Wien-Premiere im Theater am Alsergrund. DieKleinkunst-Redakteur Markus Freiler wollte nun wissen, um welche kriminellen Machenschaften es sich handelt. Eines vorweg, Vitus Wieser startet wiederholt verboten gute Angriffe auf unsere Lachmuskulatur. So gesehen ein Wiederholungstäter.

 

 

So unbeschrieben ist das kabarettistische Blatt bei Vitus Wieser nicht mehr. Immerhin stand er bereits im Finale des Grazer Kleinkunstvogels 2016 und des Neulingsnagels 2015. Außerdem brachte er es zu einem der Sieger der Kabarett Talente Show des Wiener Kabarettfestivals 2016. Nun also das erste Mal sein komplettes Programm in Wien. Und welch Anfangsfurioso erleben wir da: Zu den pathetischen Klängen von "Oh Fortuna" erleben wir Vitus Wieser im martialischen Gehabe auf der Bühne. Er ballert in der Luft herum - allerdings mit so "gefährlichen" Waffen wie Bannen und seinen Unterarmstützkrücken. Will er sich mit diesen (untauglichen) Mitleln gegen sein Schicksal wehren?

 

Vitus Wieser scheint nur so vor Selbstbewusstsein zu strotzen und outet sich als "Spitzensportler, gefangen in einem Durchschnittskörper". Die Sportart, welche er mit seinen Krücken betreibt, ist der Rolltreppenabfahrtslauf. Auch in seinem Beruf als Schauspieler betrachtet er die Krücken nicht als hinderlich, es gebe zahlreichen Rollen. Die Krücke als Zepter also (frei nach Klaus Klamolz)? Er stellt sich als grenzenloser Optimist dar und gibt enthusiasmiert diverse Coaching-Plattitüden von sich: Man dürfe sich "nicht verstecken", sondern solle sich "outen" und "be who you are", man müsse den "ersten Schritt machen", immer "Options" parat haben und "breit aufgestellt" sein. Er wirkt wie ein Lebensratgeber für jede nur erdenkliche schiefe Lebenslage. Vitus Wieser beweist dabei einen Batzen an Selbstironie und versteht es, die Coaching-Szene aufs Korn zu nehmen.

 

Spätestens vor seiner Knie-OP im AKH ist es aber dahin mit der Selbstsicherheit. Im Gegenteil, er entwickelt Panikattacken mit paranoiden Zügen und empfindet sein Leben eher als Fahrt in einem "Midlife-Chrysler". Die Ursache dafür sieht er einerseits in der experimentellen (Nicht-)Erziehung der 70er-Jahre ("Erziehung war so a bisserl, wie ein Katzerl mit einem eigenen Eingang"), andererseits in den "trostlosesten und depressivsten Kinderserien" der 80er-Jahre, wie z.B. "Niklaas, ein Junge aus Flandern". Er glaubt in seiner Todesangst vor der OP, den wahren Sinn des Lebens erkannt zu haben, u. a. "Kinder Machen", und stößt bei seiner Frau damit aber nur auf Unverständnis. Erst ein Wiedersehen mit seinem besten Schulfreund, welcher als Heroinsüchtiger auf Entzug ist, führt zu einer echten Wende in seiner Lebensphilosophie. Das Stück endet tragisch wie hoffnungsvoll zugleich.

 

Vitus Wieser ist schauspielerisch tatsächlich "breit aufgestellt". Das Spiel der unterschiedlichen Charaktere zeugt von präziser Darstellungskunst. Es zeugt von Beobachtungsgabe seines Umfelds, wenn er z. B. das Paradoxe der Fressmeile im Eingangsbereich des AKHs aufdeckt. Er versteht es, dem Volk aufs Maul zu schauen (im lutherischen Sinne), wie z. B. bei der Darstellung des proletoiden Zimmerkollegen Rudl mit seiner blumigen Sprache. Stilistische Mittel setzt er sparsam ein und trotzdem erscheinen die Figuren in all ihrer Ironie vor unseren geistigen Augen, wie z. B. seine nüchtern-realitätsbezogenen Frau.

 

Er parodiert nicht bloß Figuren, sondern liebt skurrile Zusammenhänge herzustellen, wie z. B. ein Pulsadern schleckendes Känguru in der australischen Mittagshitze. Vitus' World ist oft von wirklich schrägen Gedankengängen geprägt: In seiner Panikattacke vor der OP beginnt er sogar zu beten, allerdings stellt er sich einen verlotterten Jesus vor, der sich ebenfalls in der Midlife-Crisis befindet und sich und seine Wunder nur als Marketingprodukt sieht.

 

Vitus Wieser nimmt uns in seinem Stück auf eine Hochschaubahn der Gefühle mit, von himmelhochjauchzend bis zu Tode betrübt. Es ist ein harter Weg von der unbekümmerten Schulzeit, wo er sich mit Reini cool als "Gangster" und "Lone Wolfs" fühlte, bis zur Lebenssinnfindung im Hier und Jetzt. Virtuos erzählt uns Vitus Wieser eine humorvolle Geschichte mit treffsicheren Pointen übers emotionale Erwachsenwerden, ohne dabei jemals banal zu wirken.

 

 

DieKleinkunst-Redakteur Markus Freiler

 

 

 

Vitus Wieser

 

Theater am Alsergrund