26.9.16  Helmuth Vavra: Che Guevavra - Der Rebell ist in Dir

© Antonia Renner
© Antonia Renner

Letzten Montag begab sich Helmuth Vavra, "Mastermind" der Kabarettgruppe Heilbutt & Rosen auf Solopfaden und premierte mit seinem zweiten Solo-Programm im Casanova. In gewohnter Manier wurde er von Berthold Foeger, seinem Co-Autor, am Klavier begleitet, und Leo Bauer führte Regie. DieKleinkunst-Redakteur Markus Freiler wollte nun wissen, ob Helmuth Vavra tatsächlich den Revolutionär in sich entdeckt und sich mit diesem Programm selbst sein schönstes Geschenk zum 50. Geburtstag gemacht hat.

 

 

Eröffnet wird der Abend mit dem romantisierenden Tango "Por Una Cabeza" (Carlos Gardel). Vavra und Foeger betreten dann sogleich im Che-Outlook, Marxisten-Rauschebart und Barett, die Bühne. Fast könnte man meinen, sie meinen es ernst mit der Weltrevolution. Doch ein paar Musiktakte später ist das "Missverständnis" schon aufgeklärt, denn Vavra bekennt zur Samba "La Colegiala", dass er noch nie ein Revoluzzer war und außerdem aufgrund seiner Flugangst noch nie in Kuba war. Nicht zuletzt mahnt ihn auch die Stimme (Theresia Haiger, seine Heilbutt & Rosen-Partnerin) der Psychiaterin aus dem Off zum Realismus.

 

Exkurs: Ob wohl das Publikum den Wink bei der Wahl dieser Melodie verstanden hat? Einerseits ist "La Colegiala" ein Ohrwurm der 50plus-Generation, da sie den Werbeclip einer bekannten Kaffeemarke musikalisch untermalte, andererseits zählt zu den berühmten Aussprüchen Che Guevaras "Gibt es nicht genug Kaffee für alle, gibt es Kaffee für keinen"...

 

Im Laufe des Abends erfahren wir, dass der Grund für Vavras Realitätsverweigerung eine handfeste Midlife-Crisis ist. In der Mitte des Lebens angekommen, ist es natürlich verlockend Resümee über sein bisheriges Schaffenswerk zu ziehen. Ist man dann mit seinem bisherigen Lebenslauf nicht zufrieden, dann ist es nur allzu verlockend die eigene Vergangenheit in das Licht des jugendlichen Rebellen zu rücken. Im Gegensatz zum Vorbild Guevara "bereist" der junge GuevaVra, jedoch nicht mit dem Motorrad Lateinamerika, sondern, mit der Vespa so "gefährliche" Bezirke, wie den 12. und leistet "Entwicklungshilfe" in der Großfeldsiedlung – nicht alles, was hinkt, ist ein Vergleich

 

GuevaVras Realität ist eine ernüchternd andere. Bereits in der Schule zeichnet sich sein Outfit nicht durch NATO-Tasche und Jeans aus, sondern als Muttersöhnchen trägt er Schnürlsamthose und Aktenkoffer und wird fleißig von den Mitschülern gemobbt. Da hilft auch das Patentrezept seiner überdominanten Mutter nicht („tu so als wär's dir wurscht, dann wird es dem zu blöd und dann hört er auf"), im Gegenteil es animiert die Mitschüler die Sekkatur zu steigern.

 

Wer sich mit "Che Guevavra" eine Dekonstruktion des Idols Che Guevara erwartet, der ist hier fehl am Platz, viel mehr schildert Vavra mit viel (Selbst)Ironie, welche Demütigungen einem in der Pubertät widerfahren können und desillusioniert damit eher seine Jugendjahre. So gesehen eine Revolution die nach innen gerichtet ist!

 

Traditionell nimmt in Vavras Programmen das musikalische Element eine großen Raum ein. Und dies zurecht, denn seine Musikparodien sind wirklich vom aller Feinsten. Da passt einfach alles zusammen: Musikalisch verstehen sich Vavra/Foeger sowieso blind, und die Texttransformationen sind an Originalität nur schwer zu toppen. So wird aus "Großvater" (S.T.S.) "Trostpflasta", welches für die vielen seelischen Wunden notwendig ist, die einem in der Pubertät zugefügt werden.

 

Manchmal muss Vavra schon etwas weit ausholen, um einen Bezug zwischen seinen Musikparodien und dem revolutionären Handlungsbogen herzustellen:

In Wien würden die linksten Revolutionäre - die Bobos ("Mein Herz schlägt links, mein Geld hab ich hinten rechts") - in Saus und Braus leben. "Geb's auf der Welt mehr Bobos" zur Melodie von Randy Newmans "Short People" soll dieses Statement unterstreichen.

Che Guevaras Kaffeespruch mutiert in Vavras Welt zu "Gib es nicht genug Parkplätze für alle, gibt es Parkplätze für keinen" - willkommener Anlass für ihn ein Medley von Udo Jürgens-Songs mit äußerst humorvollen Texten zu seinen Erlebnissen mit den Wiener Öffis zum Besten zu geben.

 

Einerseits kann Che GuevaVra seiner Jugend nichts Positives abgewinnen, andererseits findet Vavra sich auch in der Gegenwart nur schwer zurecht. Er beklagt z.B. die zunehmende Unselbständigkeit der Menschheit durch das Navi und singt dazu mit unheimlich viel Swing "Mein Navi entscheidet jetzt alles für mich" (Nina Simone "My Babe Just Cares for Me"). Der Scheinrevoluzzer hat so seine Probleme mit einer ganz anderen Art der Revolution, nämlich mit der sexuellen. Er liefert dazu dann einen ironisch-wehmütigen Abgesang auf die Pornofilme der 70er "Good Old Pornofilm/Pubertät is Dying" (Waterloo & Robinson). Sein Kampf mit seiner sich ändernden Körperlichkeit und nachlassender Manneskraft gipfelt in dem berührenden Lied "Lass Mich Nicht Allein" (Jacques Brel „Ne Me Quitte Pas“)

 

Um den potentiellen Besucher des neuen Kabarettprogramms der Spannung nicht zu berauben, verrate ich natürlich nicht Vavras Conclusio aus seiner Bilanz über sein bisheriges Leben. Als bekennender, und daher auch jammernder, Wiener Kabarettist beendet er den Abend mit einer Melange von Wienerliedparodien über deftiges Essen und morbidem Gesundheitszustand: "Niere mit Sta" ("Herrgott Aus Sta"), "Der Veganer" ("Die Reblaus"), "I Hob Hoit De Grammeln So Gern" ("Fiakerlied"), "I Hau Ma No A Jaukerl Rein" ("Schön Ist So Ein Ringelspiel"), usw.

 

Helmuth Vavra revolutioniert zwar nicht seinen Kabarettstil zum beinharten gesellschaftskritischen Kabarett. Das muss er auch nicht, denn er kann auf Bewährtes zurückgreifen: Eine ausgewogene Mischung aus pointiertem Handlungsstrang und Liedparodien auf höchstem Niveau. Er nimmt sich des Themas "Lebensmittekrise" mit spielerischer Leichtigkeit an, ohne jemals dabei oberflächlich zu bleiben. Vor allem seine humoristischen Betrachtungen zur Körperlichkeit in der zweiten Lebenshälfte, regen durchaus auch zum Nachdenken an. Thematisch ist Vavras Programm insofern nicht "jugendfrei", da diese, als Nichtbetroffene, mit dem Begriff Midlife-Crisis wenig anfangen würden. Unter diesem Aspekt ist "Che Guevavra" Kabarett für (altersmäßig) Fortgeschrittene.

 

Prinzipiell entspricht ja das Potenzial der Kleinkunstform Kabarett zur Revolution dem eines Sturms im Wasserglas (Roland Düringer möge mir das Gegenteil beweisen...), aber ein Potenzial wohnt Vavras "Che Guevavra" auf jeden Fall inne, nämlich das, bester Unterhaltung! Helmuth Vavra ist mit diesem Programm zu seinem runden Geburtstag eine rundum runde Sache gelungen.

 

 

DieKleinkunst-Redakteur Markus Freiler

 

 

 

Helmuth Vavra