2.9.2016 Guido Tartarotti: Selbstbetrug für Fortgeschrittene

Kurier-Kolumnist Guido Tartarotti hat die Wiener Kabarett-Saison mit seinem mittlerweile fünften Programm „Selbstbetrug für Fortgeschrittene“ im Kabarett Niedermair eröffnet. Bisher hat er sich ja mit jedem Programm weiterentwickelt zu einer ernsthaften Größe in der österreichischen Kabarettszene. Ob auch der „Selbstbetrug“ ein erfolgreicher Schritt auf diesem Weg ist, hat sich DieKleinkunst-Redakteur Gerd Kern bei der Premiere angesehen.

 

 

 

Guido Tartarotti ist ein seit vielen Jahren erfolgreicher Zeitungsjournalist, der sich ironisch, aber durchaus sehr deutlich mit gesellschaftlichen Zu- und Missständen befasst. Und da er sich als Kritiker der Tageszeitung Kurier auch intensiv mit der österreichischen Kulturszene auseinandersetzt, war es wirklich mutig, selbst den Schritt auf die Bühne zu wagen. Auf meine Frage, warum es das gemacht hat, meinte er sehr offen, dass es ihn einfach langweile, immer dasselbe zu tun. Deshalb habe er 2008 mit Kabarett begonnen, das heißt eigentlich waren es zuerst Lesungen seiner Kolumnen und daraus hätten sich allmählich Programme entwickelt, die Schritt für Schritt besser geworden seien.

 

Diese Behauptung hat er mit seinem neuen Programm tatsächlich untermauert. Er ist locker, witzig und füllt unglaublich viel Inhalt in sein Programm, ohne dass diese Menge für seine Publikum unverdaulich wird. Dazu trägt sicher auch die zurückhaltende und unaufgeregte Regie-Unterstützung von Johanna Kreid bei.

 

Als Thema hat sich Tartarotti den Selbstbetrug gewählt, und das ist ja wahrlich ein weites Feld. Als Rahmenhandlung hat er sich einen nicht übermäßig originellen Plot gewählt, nämlich er könne erst später mit dem Kabarett-Programm beginnen, denn zunächst müsse er eine Kolumne fertigstellen, und gerade diese fiele ihm besonders schwer. Dann allerdings legt er mit furiosen Szenen los, deren Bogen wirklich weit gespannt ist.

 

Er habe vom Verfassungsgerichtshof ein Schreiben bekommen, dass sein Leben aufgehoben würde, weil die Möglichkeit bestehe, dass ihn seine Eltern gar nicht hätten zeugen wollen. Dafür gäbe es zwar keine Beweise, aber die Möglichkeit bestehe, also müsse sein Leben wiederholt werden. Sein schon bekanntes Maskottchen, das Schweinchen, hilft ihm bei diesem Vorhaben und meint, die beste Basis für jedes Leben sei eigentlich der Selbstbetrug. Ohne den ginge es nicht. Dafür gäbe es sehr viele Beispiele.

 

Und Tartarotti lässt ab da kaum etwas aus: Er macht sich über Veganer lustig, wundert sich über die Namensgebung von Backwaren und meint, es sei demütigend für einen erwachsenen Menschen, schon am Morgen z.B. einen „Bio-Backzwerg“ bestellen zu müssen. Er weist darauf hin, dass vermutlich nicht zuletzt deshalb „Soa-Weckerln“ am meisten verkauft würden („Geben Sie mir doch bitte so a Weckerl“). Er wundert sich darüber, dass eine englische Universität allen Ernstes untersucht hat, ob dünne oder dicke Pinguine leichter umfallen (das Ergebnis soll hier nicht verraten werden – die Lösung gibt es vor Ort!). Er erwähnt, dass es eine Novellierung gegeben habe, durch die in der Straßenverkehrsordnung das irrtümlich verwendete Wort „Schweinwerfer“ durch „Scheinwerfer“ ersetzt wurde. Überhaupt kann er der Versuchung wie auch in seinen Kolumnen nicht widerstehen, Stilblüten zu zitieren. Ein Beispiel gefällig? In einem PKW-Unfallbericht stand: „Es ist nicht wahr, dass ich langsam zurückgerollt bin, es war eher ein schnelles Stehen“.

 

Er gesteht auch, dass sein innigster Berufswunsch der eines Gittaristen bei den „Rolling Stones“ sei („Aber es gibt eben Berufe, für die man immer zu jung ist“). Auch mit der Flüchtlingskrise setzt sich Tartarotti auseinander, indem er feststellt, er sei eigentlich gar nicht gegen Grenzzäune, weil dadurch die Pfosten eine Beschäftigung hätten. Er erwähnt auch einige Phobien, wobei vor allem die Allodaxaphobie für Österreich typisch sei: Die Angst vor der eigenen Meinung!

 

In dieser Tonart geht es unterhaltsam, bunt, manchmal derb und mit wilden Bocksprüngen durch ein bizarres Spiegelkabinett, in dem sich der Zuseher, wenn auch leicht verzerrt, wieder erkennt. Und Tartarotti äußert die Hoffnung, dass wir unsere Ängste mit der Zeit vergessen werden können, denn auf Dauer sei es einfach fad, sich fürchten zu müssen. Und hier merkt man auch, dass Tartarotti mehr als Unterhaltung vermitteln will. Ein Streichholz, stellt er am Ende fest, könne man dazu benützen, um Häuser zu verbrennen, aber auch dazu, ein Licht anzuzünden, damit man eine bessere Sicht auf die Welt habe.

 

Dem ist nichts hinzuzufügen, außer: Es lohnt sich wirklich einen der nächsten Tartarotti-Abende aufzusuchen, demnächst übriges im Theater am Alsergrund.

 

 

DieKleinkunst-Redakteur Gerd Kern

 

Guido Tartarotti

Kabarett Niedermair