19.10.2016  Gregor Seberg: Honigdachs

© Jan Frankl
© Jan Frankl

Der Titel "Honigdachs" für ein Kabarettprogramm lässt eher auf eine Universum-Folge schließen. Was sich Gregor Seberg dabei gedacht hat, wollte DieKleinkunst-Redakteur Markus Freiler in der Kulisse herausfinden. Er lernte bei dieser Premiere Sebergs verqueres Universum kennen, bei welchem große und kleine Tiere sehr wohl eine bedeutende Rolle spielen. Ob sein neues Programm auch zum "tierisch" Lachen war, erfahren Sie hier.

 

 

Zwei "Vorwarnungen" für potenzielle Besucher von Sebergs "Honigdachs":

 

Erstens, ein strukturiertes Programm, welches wie bei einem Einpersonenstück von A bis Z durchgeplant ist, darf man sich nicht erwarten. So ist es an diesem Abend nicht einmal ganz klar, wann denn tatsächlich nun das Programm beginnt. Gregor Seberg betritt mit seinem Bühnentechniker Rafael Grasser, scheinbar das Publikum gar nicht wahrnehmend, diskutierend die Bühne. "Na, I waß es ned!!!" schreit dieser immer wieder. Woraufhin die beiden wieder im Off verschwinden. Auch das Ende der ersten Hälfte ist nicht so klar. Er meint spitzbübisch, falls Frauen aufs WC müssten, dann könnten sie ja ihrer Notdurft bereits jetzt nachgehen, da in der echten Pause frau eh ewig in der Schlange stehe. Er selbst spiele aber noch weiter, weil er zeitlich gern überziehe. Na, ob er mit solchen Äußerungen nicht auch den Geduldsfaden des Publikums überzieht?!

 

Zweitens, wer glaubt, man könnte sich bei "Honigdachs" bequem zurücklehnen und ein Kabarett "von oben herab" genießen, der irrt. Da kann es schon einmal passieren, dass er von der Bühne runtersteigt, um noch besser den Kontakt zum Publikum zu finden. Wenn man meint, Seberg liebe die Interaktion mit dem Publikum, dann ist das noch ein Hilfsausdruck. Die Kommunikation mit dem Publikum fängt mit so harmlosen Fragen an, wie die nach der Uhrzeit, und endet mit etwas "persönlicheren" Aufforderungen, wie mit dem Sitznachbarn zu "schmusen". Das mit dem Schmusen ist eine andere Geschichte, auf welche ich hier nicht näher eingehen will, denn sonst könnte ich den Faden meiner Premierenkritik verlieren und, ebenso wie Gregor Seberg, in die Chaosfalle tappen.

 

Durch das Wechselspiel mit dem Publikum ist es völlig ungewiss, wohin die Fahrt von Sebergs Gedankenreisen hinführen. Da kann es schon einmal passieren, dass er vollends den Faden verliert und seinen Bühnentechniker fragt, "wo woa ma jez?". Letztendlich besteht genau hier die Gefahr des Sich-Verzettelns und dass damit das Programm zu einem großen aufgeblasenen Nichts expandiert. Vor allem in der ersten Spielhälfte würde man sich ab und zu wünschen, dass sein Bühnentechniker ihn öfter dramaturgisch wieder auf den Weg leitet. Es kommt wohl nicht von ungefähr, dass Seberg den Begriff des Dramaturgen mit "Der, der stört" launig übersetzt. Über den gesamten Abend betrachtet gelingt es aber Seberg durchaus, den Spannungsbogen zu halten.  Gregor Seberg stellt für mich die personifizierte Allegorie der Spontaneität und Improvisationskunst dar. Wer ihn als Engelbert aus der TV-Serie "Schlawiner" oder das TV-Format "Sebergs bestes Stück - Comedy in 48 Stunden" kennt, der weiß, dass er ein Meister des freien Assoziierens und des geistigen Tempelhüpfens ist.

 

Dieses Sich-Einlassen mit dem Publikum setzt ein gewisses Sensorium für "die da unten" ein, und diesbezüglich besitzt Seberg ein Riesentalent. Natürlich hängt der Erfolg eines Abends auch von der "Mitarbeit" des Publikums ab. Generell kann man davon ausgehen, dass Menschen am Land prinzipiell redseliger sind als in der Stadt und das Programm dort wohl gut funktionieren wird. "Sebergs bestes Stück" ist ja von ähnlichem Prinzip. An diesem Premierenabend passte aber auch für Wiener Großstadt-Verhältnisse die Chemie. Und so kann es dann schon passieren, dass nicht der Kabarettist die besten Wuchteln schiebt, sondern das Publikum selbst. Seberg: "Bist Du solo"? Sie: "Das kommt darauf an". Erfrischend diese Ehrlichkeit...

 

Gregor Seberg sieht auch sein neues Programm nicht als Kabarett im eigentlichen Sinn, sondern bezeichnet den Abend als "Offenes Forum" bzw. vergleicht es mit einem "Speakers' Corner im Hydepark"

Gesagt, getan - und ein Besucher aus dem Publikum steigt auf die Bühne, wird dort von Seberg als Baron vom Waldviertel über seinen Tagesablauf interviewt. Warum Seberg dies wissen will, ist eine andere Geschichte.

 

Ach ja! Vielleicht will der geneigte Leser doch auch erfahren, worum es überhaupt in "Honigdachs" geht? Gregor Seberg ist in diesem Programm, gemeinsam mit dem Publikum, auf der Suche nach dem Sinn des Lebens (Geflügeltes Wort des Abends "I waß es ned"), und streicht in diesem Zusammenhang immer wieder den Vorteil der Tierwelt hervor, denn diese hätten diesen "Stress" der Sinnsuche nicht. Sebergs größte Bewunderung gilt dabei dem Honigdachs, welchem er am Ende des Abends in einer kurzen Fabel tiefSINNige Schlussworte in den Mund legt.

 

"Komm, Spiel Mit!" könnte das Motto zu Gregor Sebergs "Honigdachs" lauten. Wenn das Publikum genauso viel Spielfreude und Offenheit mitbringt, dann steht einem unterhaltsamen und anregenden Abend nichts im Wege.

 

 

DieKleinkunst-Redakteur Markus Freiler

 

 

 

Gregor Seberg

 

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