5.11.2016  David Scheid: Remix - Das Program mit dem Plattenspieler

© www.facebook.com/David-Scheid-508100919390796/
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Tja, so können sich die Generationen unterscheiden: DieKleinkunst-Redakteur Markus Freiler glüht beim Martini-Loben vor und beschließt den Samstagabend mit dem Besuch des Erstlingprogramms von David Scheid. Dieser wiederum ruft zum Vorglühen mit dem Besuch von "Remix" auf, denn ein "g'standener Gen Y-ler" dürfe sich sowieso nicht vor Mitternacht auf Partys blicken lassen. Nach dem Abgesang einer Kabarett-Premiere eines altgediente Künstlers letzte Woche in der Kulisse bot David Scheid an diesem Spätabend-Termin im Kabarett Niedermair die erhoffte Frischzellenkur für die Kabarett-Szene.

 

David Scheid, sowohl Gewinner des Grazer Kleinkunstvogels als auch des Publikumsvogels 2016, beehrt also nun mit seinem kompletten Erstlingswerk den Wiener Raum. Als DJ DwD ist er Red Bull-weit ein Begriff, auch als Poetry-Slammer hat er sich als "Dialektperformer" über die Jahre einen Namen gemacht. Nicht unerwähnt soll bleiben, dass er Mitinitiator und Moderator von "Rapper lesen Rapper" ist. Es ist also naheliegend, sein bisheriges künstlerischen Schaffen als Ingredienzien in sein erstes Programm einfließen zu lassen, besser gesagt zu "remixen".

 

Den ersten Remix, welchen er als sein eigener Soundchecker auf der Bühne performt, gilt praktisch als Legitimation für sein Tun als DJ. Er samplet nämlich Wortfetzen aus unterschiedlichen Radiokultursendungen, in welchen das Prinzip des Nachahmens in der Kulturgeschichte thematisiert wird, und in der Conlusio endet, dass nur so Neues entstehen könne.

 

In der ersten Hälfte des Abends befindet er sich herumzappend und Text lernend in seiner Wohnung,  und bietet uns damit eine Leistungschau seines Könnens: Sei es mit tiefen Sagern als proletoides Herzblatt im Rahmen einer Persiflage auf "Liebesg'schichten und Heiratssachen" oder als Sprachpolizist, welcher im besten Kärntner Dialekt Österreich vom "CH" säubern will ("H.C. statt CH!"). Er bietet uns ein Kompendium an nichtssagenden ("Wieviele Phrasen kann man dreschen, ohne in 5 Minuten auf den Punkt zu kommen") Politikerreden, oder er lehrt dem Publikum im perfekten Piefkinesisch und Wiener Dialekt ein "transnationales Alphabet". Dieses aber auf ein Piefke-Bashing zu reduzieren, wäre aber zu einfach, denn er quittiert die Lektion mit einer Einspielung eines pointierten Statements des Essayisten Franz Schuh über überhöhten Austrozismus.

 

Nach der Pause befindet sich dann David Scheid nicht mehr in seiner Wohnung, sondern steht  "tatsächlich" auf der Bühne und ist auch inhaltlich präsenter. Giftige gesellschaftskritische Botschaften sendet er da aus und weist mit griffigen Beispielen auf ein paradoxes Wertesystem hin. Es sei lobenswert Geld für Trinkwasserbrunnen in Afrika zu spenden, wie passe das aber damit zusammen, dass wir mit jedem Klogang literweise Trinkwasser verschwenden? Wir kaufen billigste Kleidung welche in der Dritten Welt produziert wird und schicken diese dann, wenn sie uns nicht mehr gefällt, mit der Caritas wieder dorthin redtour. Na bumm, plakativer geht's wohl nicht mehr!

 

Pointiert erzählt er, wie schwierig es für ihn ist, als "Kücken der 80er-Jahre", in der pluralistischen Welt der Gegenwart Orientierung zu finden. Daher drückt sich seine Sehnsucht nach der Vergangenheit, in welcher alles klarer strukturiert war, auch in seinen Remix-Soundcollagen aus, indem er diese hin und wieder auch mit Retrosoundmotiven unterlegt. Er liebt die metaphernhafte Sprache, wenn er meint, er fühle sich als "Ochse vor den Pflügen der Globalisierung" gespannt.

 

Mit einem witzigen Vogelgezwitscher-Remix versucht sich David Scheid zu beruhigen, deckt so nebenbei mit einem weiteren Remix das alte "Nokia Tune" als Landler auf und nutzt diesen als Überleitung zu einem Gift und Galle speienden Slam Poetry, im Dialekt gehalten, über verrohte Sitten im tiefsten Niederösterreich. Bitterböse ist danach auch seine Parodie auf den Refrain von "Atemlos": "Staatenlos übers Meer, doch hier ist man identitär..."

 

Ein Kabarettist, "der was auf sich hält", muss auf jeden Fall eine Rap-Parodie im "Rapertoir" haben. Das kann dann manchmal peinlich enden. Bei David Scheid befindet man sich aber, was das Rappen an belangt, beim Schmied, und nicht beim Schmiedl. Um so frecher ist es dann, einen Gangster-Rap zu performen, in welchem KHG als der einzige "OG" (Original Gangster) Österreichs auftritt.

 

Auch die Selbstironie kommt bei David Scheid nicht zur kurz, indem er eine Persiflage auf die Gattungen seiner Berufszunft der DJs abliefert, angefangen von verschiedenen "Genre-DJs" bis zum sogenannten "Realkeeper". Zu welchen er sich selbst zählt,  sei dahingestellt. Wie er sich auf der Bühne gibt, das ist aber sicher nicht lernbar. Schon gar nicht mit real-existierenden DJ-Lehrkursen des AMS. Mit Wortspenden aus dem Kurs "Pioneer DJ Basic" präsentiert er dem johlenden Publikum einen aberwitzigen musikalischen Remix. David Scheid himself, ist in seiner Art einfach eine coole Sau, er besitzt für mich den höchsten Swag-Faktor der Kleinkunstszene.

 

Mieselsüchtig mag man meinen, dass sein Programm nur ein unzusammenhängendes Flickwerk sei, welches durch Remixes zusammengehalten wird. Bei näherem Betrachten entpuppen sich aber seine Remixes als eine moderne Form der Dichtkunst (Ein Jandl der Gegenwart?!), welche die Quintessenz der vorhergehenden Szene zusammenfassen. Freilich könnte die behutsame Hand eines Regisseur seinen Wordrap noch zu einem harmonischeren Ganzen führen. Nichtsdestotrotz ist "Remix" nicht bloß ein oberflächliches "Programm mit dem Plattenspieler", sondern ein humorvolles und rotzfreches Sinnieren über seinen Platz in einer unüberschaubaren Gegenwart. Passender kann es gar nicht sein, den Abend mit einem grooven Remix aus ZIB-Signations zu Ende zu bringen.

 

 

DieKleinkunst-Redakteur Markus Freiler