15.10.2016 Christoph Krall: Kann ich nichts bei finden oder die Frau statt dem Hut

(c) Simon Pichler
(c) Simon Pichler

Was ist normal? - dieser Frage widmet sich der wunderbare Christoph Krall in seinem neuen Soloprogramm "Kann ich nichts bei finden oder die Frau statt dem Hut", das im Theater am Alsergrund Premiere feierte und begeisterte das Publikum, darunter auch DieKleinkunst-Redakteurin Margot Fink.

 

 

 

Normalität also, darum geht es im neuen Programm von Christoph Krall - "klingt nicht nach dem mörderspannenden Thema", stapelt er zu Beginn tief und beweist dann in eineinhalb Stunden das genaue Gegenteil. Er liefert auf brilliante Weise im Zusammenhang mit Normalität einen Streifzug durch unterschiedlichste Wissensgebiete und Themen: historische Tatsachen,  politische Zustände, Wahlplakate, seine Einstellung zum Alter, Beziehungen werden genauso thematisiert wie soziale Medien, Statistik, die Analyse am bevorstehenden Wahlabend und ja, auch das kommt vor, ein Amöbenmärchen.

 

Bei Krall werden locker und lässig Bildungslücken geschlossen, oder hätten Sie gewusst, dass es für Normalität bei den Hethitern eine Gottheit mit Namen Eshtan gab?  In "Kann ich nichts bei finden oder die Frau statt  dem Hut" schafft er es wunderbar, zum Thema "Normalität" kritische, selbstironische und witzige Kommentare loszulassen. Auf unterhaltsame Weise schwirrt er von einer Erklärung von Papst PIus XII zum Feiertag Mariä HImmelfahrt im August und weiter zu den Amöben und dann zu den Mitochondrien und zur Zellatmung, dabei  versieht er die Erklärungen und Erkenntnisse genau zum richtigen Zeitpunkt mit trockenen, lapidaren Kommentaren. Sehr kritische Töne schlägt er an, wenn es um die rechte Zeitschrift Aula geht, was er davon hält, verarbeitet er in einem Lied, in dem er von Schmissfliegen singt und sich dabei er selbst auf der Leier begleitet .

 

"Kann ich nichts bei finden", hat seine Großmutter gesagt, wenn sie etwas als normal angesehen hat - damit erklärt sich schon der erste Teil des Titels. Der Hintergrund zum zweiten Teil "... die Frau statt dem Hut" klärt sich im Laufe des Abends und wird an dieser Stelle nicht verraten, ist aber ein weiterer interessanter Baustein in Kralls Programm.  Auf der Suche nach Normalität begibt sich Christoph Krall auch in die Niederungen des Statistikinstituts der Uni Wien, das er sehr gut kennt, leitet er doch seit vielen Jahren ebendort Lehrveranstaltungen in Wirtschaftsstatistik.  Der Schalk sitzt ihm schon sehr im Nacken, er macht sich gerne über sich selbst, aber auch die Kollegen am Institut lustig, so etwa bei der Beschreibung der Suche nach dem normalsten Vortragenden für Erstsemestrige, "damit sie nicht verschreckt werden, sie kommen ja direkt von der Schule", die im Ausschlussverfahren abläuft und dabei bleibt halt nur er übrig.

 

Wie Christoph Krall die Wahlberichterstattung vom 4. Dezember vorwegnimmt, bei der ja am Wahlabend noch nichts verkündet und analysiert werden kann, da es noch keine Daten gibt, sorgt für Lachanfälle im Publikum.  "Zum jetzigen Zeitpunkt lässt sich mit großer Wahrscheinlichkeit vorhersagen, dass der Ausgang der Wahl vom Wahlverhalten der Wählerinnen und Wähler abhängt". In diesem Stil geht es noch minutenlang weiter - Christoph Krall sollte dafür vom ORF engagiert werden, denn nur er kann diesen Abend so bestreiten, dass man nicht nach einer Minute wieder den Fernseher abschaltet. Bei ihm würde man dranbleiben!

 

Er geht auch auf das Alter ein, er habe ja den 50er schon hinter sich, das sei ein Alter, in dem einen die Schwiegermutter mit dem Namen des Vorgängers anspricht, aber es falle ihr noch auf, stellt er fest. Wenn er jetzt irgendwo der Jüngste sein wolle, müsse er auf den Maiaufmarsch gehen. Leider zeigt sich in seinem Alter auch die Diskrepanz zwischen der aktuellen Lebenssituation und dem ursprünglichen Lebensentwurf. Also nichts mit Physiknobelpreis, dafür nun sonntagabends Krimis schauen.

 

Wer kann schon als Amöbe auf die Bühne kommen und eine Ansprache an die Mitamöben halten?! Typisch für Christoph Krall ist, diese Ansprache nicht nur mit wissenschaftlichen Termini zu versehen, sondern gleichzeitig auf das sehr aktuelle Thema Flüchtlinge und die Stimmungen und Haltungen ihnen gegenüber einzugehen. Was für ein brillianter Einfall! "Derzeit rollt eine Welle von Anti-Protonbakterien über unseren Tümpel, die viele verunsichern.... " Es ist inhaltlich großartig und darstellerisch absolut gelungen. Und bei Christoph Krall ist es normal, dass er das Flüchtlingsthema auf diese Weise thematisiert, klug, witzig, kritisch und so noch nie auf einer Kabarettbühne gesehen.

 

Christoph Krall hat schon viele großartige Programme auf die Bühne gebracht, sei es als Solokünstler oder als kongeniales Duo mit Ursula Schwarz, und begeistert auch dieses Mal das Publikum. Seine Programme sind - leider unterschätzte - Kleinode, die schnelle Pointe oder der Schenkelklopferwitz sind nicht seine Sache, und das ist gut so. Er beansprucht die volle Aufmerksamkeit der Zuseher, auch dieses Programm ist anspruchsvoll und lustig, es ist kurzweilig und voller ironischer, kritischer Zwischentöne, Christoph Krall bringt die Leute zum Lachen, gleichzeitig auch zum Nachdenken. Sein Porgramm ist vollgepackt mit Themen, Fakten, Tatsachen, die er auf intelligente und unterhaltsame Weise auf die Bühne bringt.  Absolut sehenswert! Chapeau!

 

 

DieKleinkunst-Redakteurin Margot Fink

 

 

 Christoph Krall

 

Theater am Alsergrund