22.11.2016 Angelika Niedetzky: Gegenschuss

© Monika Löff
© Monika Löff

Sehe ich mir gerade ein Kabarett-Programm an oder bin ich unfreiwillig im Seminar: "Die Kunst, 90 Minuten zu reden und gleichzeitig zu nichts sagen" gelandet? - Diese Frage stellte sich DieKleinkunst-Redakteurin Margot Fink bei der Premiere von Angelika Niedetzkys neuem Kabarettprogramm Gegenschuss im Stadtsaal.

 

 

 

Sie kommt auf die Bühne und sie ist da! Sie füllt diese große wunderbare Bühne des Stadtsaals mit ihrer lauten Stimme, mit ihrer Präsenz und guten Laune: „Griaß eich, gfreit mi, dass ihr alle da seid!“ Spielfreude kann man ihr nicht absprechen. Soviel Energie ist ansteckend, und das Premierenpublikum quittiert es mit tosendem Applaus. Wow, könnte man da denken, wenn das jetzt schon nach nur einem Satz so sensationell gut ist, wie werden dann erst die nächsten 90 Minuten? Ja, so könnte man die ersten Minuten des neuen Soloprogramms Gegenschuss von Angelika Niedetzky beschreiben.

 

Oder vielleicht so: es beginnt mit einem Warm up, mit Small Talk mit dem Publikum, ein paar Späßchen hier, ein Witzchen da, eine Zuschauerin und ein Zuschauer aus der 1. Reihe werden ausgewählt, in den nächsten 90 Minuten sind das Claudia und Michael, sie werden immer wieder angesprochen, man lernt sich kennen, es wird gelacht, und nach einiger Zeit kommt der Gedanke auf: „Und wann geht’s jetzt wirklich los?“, und ehe man sich versieht, ist Pause, aber mehr als Warm up war da nicht, oder?

 

Nein, das stimmt nicht, da war einiges,  das sprachlos macht, das zu der Frage führt: „Was daran ist da jetzt lustig oder unterhaltsam oder gut oder komisch oder kritisch oder was auch immer?“ Eine Vogelspinne namens Cordula, die Marihuana frisst und dann ganz entspannt eine Reggae-Nummer singt? Nein, lustig ist das nicht.

 

Oder vielleicht war es folgendermaßen: in der wirklichen Welt spielte Angelika Niedetzky ein gutes, kluges, witziges, vielleicht sogar ein wenig böses, bissiges, auf alle Fälle aber unterhaltsames Kabarett, und ich war  in der Zwischenzeit in einem Paralleluniversum bei etwas, das sich nur Kabarett nennt, es aber nicht ist, oder vielleicht ist es doch Kabarett, nämlich eine neue Art von Kabarett: das Vakuumkabarett - viel Luft im oder um Nichts und ... – Nein, so war es auch nicht,  kein Paralelluniversum, sondern tatsächlich die Premiere von Gegenschuss, dem 3. Soloprogramm von Angelika Niedetzky. Das war alles echt. Ganze 2 Stunden wird  das Publikum mit Belanglosigkeiten, die nicht einmal unterhaltsam sind, bespaßt, oder hört einfach nur mein persönliches Humorverständnis auf, wenn Angelika Niedetzky erzählt, dass sie eine fleischfressende Pflanze mit Käsekrainer füttert, welche die Pflanze immer wieder ausspuckt und die sie, Angelika Niedetzky, dann mit dem Mund auffängt und isst, und das es damit endet, dass die Käsekrainer in halb verdauter Form zum Fenster rausdrängt, aber da ist das Fliegengitter im Weg und dort landet dann der Schwall an käsekrainerischem Erbrochenem. Hm. Naja.

 

Oder sehe ich es einfach falsch: und Angelika Niedetzky legt halt ihren Fokus auf das Performen und nicht auf den Inhalt, vielleicht ist ihr nicht wichtig, was sie sagt, sondern wie sie es sagt.  Sie beschreibt ihren Arbeitsplatz, die Bühne, zu Beginn des Programms ganz genau. Dort scheint sie gern zu sein, dort scheint sie auch gern zu arbeiten, und sie beherrscht das Handwerk und sie ist gut im einfach Sein. Nur leider, die meisten Pointen sieht man schon meilenweit von der Bühne entfernt um die Ecke kommen. Wenn es um Gesichtscremen geht, weiß man schon, dass Spermidin vorkommen wird oder zum Thema Parfum: worauf stehen die Männer? Gulasch- oder Motorölgeruch, eh klar. Wonach riecht der neue Duft von Michael Häupl? Eine Mischung aus Grüner Veltliner, Welschriesling, Weißburgunder und Chardonnay. Ach ja.

 

Wenn Angelika Niedetzky tatsächlich auf billige, schnelle Lacher aus ist,  dann wurde auch das Ziel nicht erreicht, denn gelacht wurde im Publikum schon, immer wieder einmal, aber nicht so oft und viel, wie man annehmen könnte, und so richtig gute Stimmung wollte nicht aufkommen. Ich vermute mal, viele dachten enttäuscht: Und wann fängt es jetzt an? Das ist doch nur das Warm up, oder? Die wirklich lustige Nummer über den Urlaub auf Mykonos ohne Smartphone, erzählt und gesungen mit Austropop-Melodien am Ende des Programms gleicht die vorangegangenen 90 Minuten leider auch nicht mehr aus.

 

Was gibt es also abschließend zu sagen: der letzte Gedanke zu dem Programm, bevor das Licht wieder anging: Eine Zeitverschwendung! Tröstlich ist, dass es zeitgleich eine fulminante Premiere im Theater am Alsergrund gab, die zeigt, dass man sich um den Nachwuchs im Kabarett keine Sorgen machen muss.

 

DieKleinkunst-Redakteurin Margot Fink

 

 

Angelika Niedetzky

Stadtsaal Wien