11.10.2016  Andreas Vitásek: Grünmandl oder Das Verschwinden eines Komikers

© Udo Leitner
© Udo Leitner

Was bewegt Andreas Vitásek dazu, sich Otto Grünmandl und seinen Werken ein ganzes Programm zu widmen? Ein mutiges Unterfangen, dachte DieKleinkunst-Redakteur Markus Freiler und war schon gespannt, in welcher Form Vitásek einen der Altmeister des Kabaretts dem Publikum im Rabenhof Theater präsentieren würde. Wird er versuchen eine Blaupause Grünmandls abzuliefern oder wird er dessen Stücke zur Unkenntlichkeit "entstellen"?

 

 

Es ist wohl nicht leicht das komplette Leistungsspektrum von Otto Grünmandl auf die Bühne zu bringen. Ihn künstlerisch bloß auf den Kabarettisten zu reduzieren, wäre eine unzulässige Degradierung. Es ist schon beeindruckend, wie umfangreich und vielfältig sich der Nachlass von diesem Tiroler Ausnahmekünstler darstellt. Wer sich darüber näher informieren will, kann sich ja einmal einen Überblick im Forschungsinstitut Brenner-Archiv verschaffen.

 

Den überregionalen Durchbruch als Kabarettist schaffte er mit den "Alpenländischen Interviews" (humoristische Doppelkonferenzen mit Theo Peer), welche ab 1970 in über 100 Folgen äußerst erfolgreich auf Ö3 ausgestrahlt wurden. Er schrieb aber auch Novellen, Gedichte, Erzählungen und Hörspiele. Für das Hörspiel "Rochade" erhielt er bereits 1970 den Österreichischen Staatspreis für Hörspiel. Das erste Kabarettprogramm "Einmannstammtisch" kam im Rahmen des Steirischen Herbsts 1976 zur Uraufführung. 1978 heimste er für das heute legendäre Programm "Ich heiße nicht Oblomow" den Deutschen Kleinkunstpreis ein.

 

Man kann nicht behaupten, dass Grünmandls Kabarett für den Mainstream gedacht war. Da stand ein Mann auf der Bühne, der im zeitlosem Anzug und Seitenscheitel-Frisur eher bieder wirkte. Sein äußeres korrektes Auftreten stand aber im krassem Widerspruch zu seinem Wirken auf der Bühne. Da wurden skurrile bis ins Absurde abdriftende Gedanken gesponnen, im wahrsten Sinn des Wortes ver-rückte Ideen geboren, intelligenter Non-sense im besten Sinne verzapft. Nicht die schnellen Schenkelklopfer-Gags waren sein Ziel. Würde er heute auftreten, wäre er der Begründer einer neuen Kleinkunstform, nämlich der Slow-Comedy? Nicht das hysterische Herumgehopse über die Bühne war Seines, sondern mit aller gebotenen Ernsthaftigkeit und Ruhe entwickelte Grünmandl seine Pointen.

 

So gesehen, eine passende Idee von Vitásek den Abend zu den Klängen von "Death Of A Clown" von Dave Davies zu eröffnen. Ist es nicht die Eigenschaft der meisten Clowns, trotz ernster Miene, das Publikum zu Lachern hinzureißen? Vitásek ist es mit seiner Auswahl an Texten und Stückausschnitten gelungen dem Werk Grünmandls in seiner Ganzheit zu huldigen:

Er gerät beim Abwägen der Nass- und Trockenrasur ins Philosophieren; lobt die Vorteile des "Durchschnittssalters" 59; entlarvt Krawattenträger als eine Gesellschaft der Würger; doziert über den Begriff "Oblomowerei"; erklärt uns, auf der Bühne ein Fußbad nehmend, den Unterschied zwischen "Saufen" und "Ersaufen"; differenziert exakt zwischen Privatperson und Kabarettist ("Politisch bin ich vielleicht ein Trottel, aber privat kenn' ich mich aus"); rezitiert "Ich bin ein wilder Papagei"; referiert als Alpenländisches Inspektoren-Inspektorat über künstliche Gebisse; ruft zum "Futeralbewusstsein als neues Lebensgefühl" auf; etc.

 

Andreas Vitásek erbietet durch den schlauen dramaturgischen Aufbau, mit der behutsamen Herangehensweise an seine Texte und mit schauspielerischer Raffinesse Otto Grünmandl größte Ehre - eine Hommage im wahrsten Sinn des Wortes. Mit wohl dosierten Gesten, charakteristischer Sprachmelodie gelingt es Vitásek, Grünmandl auf der Bühne zum Leben zu erwecken. Viele mögen skeptisch gewesen sein: Ein Wiener will einen Tiroler spielen, wie soll das funktionieren? Vitásek setzt einmal mehr, einmal weniger den Tiroler Dialekt ein, aber ohne damit jemals gekünstelt zu wirken. Insgesamt dürfen wir eine Synergie aus Vitáseks und Grünmandls Stärken erleben.

 

Vor allem gegen Ende des Abends zeigt Vitásek mit lyrischen Texten die philosophischen bis melancholischen Seiten Grünmandls. Vitásek nimmt sich schließlich genau dort zurück, wo vielleicht nicht seine große Stärke liegt, dem Vortragen von poetischen Texten, und lässt letztendlich den Großmeister im O-Ton selbst rezitieren. Vor allem Grünmandls späte Texte sind von gesellschaftspolitischem, wenn nicht von erkenntnistheoretischem Wert: Damit der Mensch Identität erlangen könne, bedarf es der Bewusstmachung von Welt-Erfahrung. Diese sei nur durch die Begegnung mit anderen Identitäten möglich, ohne diese wäre es nicht möglich Selbst-Identität zu bilden.

"Haben wir auf diese Weise das Ende und die volle Gestalt unserer Identität erreicht, vereinigt sie sich mit Gott. Liebe begibt sich"

Es ist Vitásek hoch anzurechnen, dass er mit diesen besinnlichen Worten den Abend ausklingen lässt, anstatt mit "Brüllern". Ein Programm mit Bildungsauftrag, welches durchaus auch für ein junges Publikum ein Must-have ist!

 

 

DieKleinkunst-Redakteur Markus Freiler

 

 

 

Andreas Vitásek

 

Theater Rabenhof