28.12.2016  Alfred Aigelsreiter:  RÜCKSCHAU-dern

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Bereits zum achten Mal schaudert es Alfred Aigelsreiter, dem "Hirn" der Kabarettgruppe "Brennesseln" um die Jahreswende über die "Blödheiten" der letzten 12 Monate. Er tut dies in gewohnter Manier, nämlich mit spitzer Zunge zieht er über Politik und Gesellschaft her. Für DieKleinkunst-Redakteur Markus Freiler ist "RÜCKSCHAU-dern" sein persönliches "Neujahrskonzert", denn Aigelsreiter ist der Konzertmeister der geschliffenen Worte.

 

 

Eigentlich grenzt es ja schon fast an Selbstgeißelung, wenn man sich freiwillig den Grauslichkeiten des Jahres 2016 nochmals aussetzt. Wenn Aigelsreiter jedoch Spott und Hohn über Österreichs Politlandschaft ergießt, dann entlockt das dem Publikum doch ein Lachen. In seinem Prolog stellt sich Aigelsreiter als "Empörungsdienstleister im Angriffsmodus" vor. Also kein Wutbürger mit Knöpferln im Bart, denn Wut würde blind machen. Blind wäre ein RückBLICK über ein komplettes Jahr nicht möglich. Aigelsreiter hat aber übers Jahr immer genau hingesehen, was da Politiker so an Wortmüll produzieren und lässt sie damit gnadenlos aufplatteln.

 

Einfach zum Zurücklehnen ist dieser Abend nicht, da ist schon Mitdenken angesagt. Nicht ohne Grund meint er in seinen einleitenden Worten, dass dies kein Abend für Leute sei, die "Niveau für eine Hautcreme halten". Zwei sportliche Tugenden verlangt Aigelsreiter von seinen Zuhörern. Als ehemaliger Fußballer des VfB Mödlings verlangt er vom Publikum das perfekte Beherrschen des geistigen Doppelpasses, als passionierter Bergläufer setzt er von den Besuchern seiner satirischen Jahresrevue Ausdauer voraus. Gut 2 1/4 Stunden jagt eine bissige Pointe die andere. Pointen im besten Sinn des Wortes, denn Aigelsreiter bringt es auf den "Punkt", was für "Blödheiten" und "Unwahrheiten" so mancher "politischer Flachwurzler" verbal "ausscheidet".

 

Alfred Aigelsreiter ist Jäger und Sammler, nämlich von "Skandalen und Aufregern" des letzten Jahres. Und von diesen gab es letztes Jahr eine Menge. Aigelsreiter ist wahrscheinlich einer der wenigen Bürger unseres Landes, welcher sich über diverse Ausrutscher, Tragödien und Peinlichkeiten "großer und kleiner Tiere" aus Gesellschaft und Politik freut, denn sie geben ihm überbordenden Stoff für sein "RÜCKSCHAU-dern". Erstaunlich wie schnell da so manches in Vergessenheit gerät. Oder hätten Sie sich noch erinnert, dass der "Radlbrunner Skinhead" Anfang 2016 noch hoch im Kurs als ÖVP-Kandidat für die Bundespräsidentenwahl stand?

 

Aigelsreiters unverkennbares Markenzeichen sind seine äußert kreativen bildhaften Vergleiche mit welchen er prinzipiell die handelnden Personen "adelt". Mit seinen humorigen Metaphern werden diese vortrefflich charakterisiert. Ein paar Schmankerl gefällig? Marcus Franz - ein Ideologie-Söldner aus dem Stronach-Lager, Alois Stöger - "der ewige Ferialpraktikant", Fiona Swarowski - "die Kristallschnepfe", Armin Assinger - "das Lagerhaus-Testimonial". Norbert Hofer - "Der Mann mit Stock und Glock". Der absolute Spitzenreiter bezüglich metaphorischen Beinamensgebungen ist Reinhold Lopatka: "Steirischer Kernölmachiavelli, "steirische Fassbombe des Intellekts", "innerparteilicher Polemikpinscher", "personifiziertes Phrasenschrapnell", etc. Ist nur zu hoffen, dass diesem bei so vielen "Ehrentitel" nicht Flügeln aus den Schulterblätter (polnisch "Lopatka") wachsen.

 

Der Zustand der politischen Großparteien wird von Aigelsreiter messerscharf analysiert und sind gespickt von sarkastischen Kommentaren. Nicht die geballte Faust, sondern die spitze Schreibfeder ist Aigelsreiters Waffe. Wenn er meint "Alles kommt zur Sprache", dann bedeutet dies die Spießumkehr eines berühmten Bibelzitats, denn bei ihm ist "am Ende (des Jahres) das Wort". Seine ironischen Verbalattacken helfen gleichsam das Erlebte des letzten Jahres zu verdauen.

 

Geschliffene Sprache und spritzige Intonation der Texte garantieren bei "RÜCK-schaudern" ein Qualitätssiegel. Die einzige Gefahr die ich sehe, dass in dieser Darbietungslänge das Publikum an einer Überdosierung an Wortwitz zu leiden beginnt. Ob Alfred Aigelsreiter schon daran gedacht hat das Kabarettpublikum mit monatlichen Dosen zu impfen?

 

Unterm Strich frage ich mich, wo ist eigentlich die Grenze zwischen Aigelsreiters bissigen Texten über die Geschehnisse des Jahres 2016 zu den literarischen Formen des Essyas oder der Slam-Poetry? Alles einerlei. Sei es nun für den Kabarett-, Politik- oder Literaturinteressierten, für alle ist "RÜCK-schaudern" ein unterhaltsamer und gleichzeitig bildender Pflichttermin.

 

 

DieKleinkunst-Redakteur Markus Freiler

 

 

 

Alfred Aigelsreiter

 

KiP.