30.9.15  Thomas Stipsits & Manuel Rubey: Gott & Söhne

© http://www.wienerzeitung.at
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4 Jahre nach “Triest” tun es Thomas Stipsits und Manuel Rubey wieder, und trauen sich nochmals gemeinsam auf die Bühne. In ihrem neuen Programm hetzen sie in einer Tour de Force durch die Geschichte, welche eigentlich erst auf der Bühne von ihnen geschrieben wird. War DieKleinkunst-Redakteur Markus Freiler von dem Stück genau so begeistert wie das Premierenpublikum?

 


Demonstrativ steht auf der Bühne eine Tafel, auf der mit großen Lettern geschrieben die 7 Todsünden prangen. Der Abend beginnt im Dunklen mit einem Kirchenchor zu getragener Orgelmusik, dann ein Switch zu einer reißerischen Moderatorenstimme, die dick aufgetragen die „Megashow“ des Jahres ankündigt. „Mega“ ist wohl mit Augenzwinkern gemeint, „Show“, gibt aber immerhin die Info, dass man sich nicht ein Kabarettprogramm im klassischen Sinne erwarten darf.


Nochmals so eine komplexe Geschichte wie bei „Triest“ wollen sie sich nicht „antun“, stattdessen solle es nur „Pointe, Pointe, Pointe“ geben. Bei diesen geht es nicht um die großen Fragen der Menschheit, sondern um so fundamentale Themen wie Tourerlebnisse, Häuslbau und Grillen. Die zugegeben hohe Schmähdichte bewegt sich dabei auf einem Niveau, wie „Mann mit Griller sucht Frau mit Kohle“. Dem Publikum gefällt zwar diese Art des Humors merklich, nicht jedoch - Christian Stipsits (Bruder von Thomas und bewährter Tontechniker) als Stimme aus dem Off. Er „gspiat die G’schicht ned“. Seine Forderung, sie sollten lieber zum ursprünglichen Arbeitstitel des neuen Programms „Gott und Söhne“, die Geschichte live auf der Bühne entwickeln.

 

„Also doch eine Geschichte „sich antun“?! Ja und nein… „Glück als Ware“ soll das Thema sein, und Christian Stipsits wird der ominöse Chef einer Firma, welcher gegen Preisgabe persönlicher Daten Glück in 30 Tagen verspricht. Was darauf folgt, ist ein Stück im Stück, welches jedoch nicht so aus einem Guss wirkt wie „Triest“. Die Geschichte dient eher als bunte Spielwiese, auf der sich die beiden schauspielerisch ausprobieren können. Sie brillieren hierbei in sketchartigen Szenen, in welchen die sieben Todsünden komödiantisch thematisiert werden. Scheinbar spontan und improvisierend wird der Plot dieser Szenen erst live auf der Bühne entwickelt.

 

Wir erleben ein exzessives Spiel von Figuren. Unter anderen einen Opernsänger Waldemar Fröhlich beim Paartherapeuten, der sonor zum Singen anfängt, wenn er aufgeregt ist; den bisexuellen Tiroler Poschtler Hermes, der die Einladung zum Glück an diverse Personen übermittelt; einen Taxifahrer, welcher sich als Herr Karl der Gegenwart entpuppt („Wir ham ja nix g’habt. Oba davon vü, bis da Haida kumman is!“) Es wird aber auch gesungen, nämlich im Herbert Grönemeyer-Stil, oder getanzt, nämlich als Gebrüder Friedrich einen Hip-Hop. Stipsits und Rubey greifen auch als sie selbst in die entstehende Geschichte ein und sparen dabei nicht mit Spott und Ironie über den Bühnenpartner: R. zu S.: „Du bist am Vormittag kritisch und am Nachmittag Leiner

 

Manchmal scheint es so, als fungiere Rubey nur als Stichwortgeber von Thomas Stipsits. Doch das täuscht, ein Vergleich aus dem Fußball sei erlaubt: Auch ein Goalgetter kann nur dann glänzen, wenn er durch einen kreativen Mitspieler den idealen Pass gespielt bekommt. Iniesta und Messi also auf der Bühne? Um bei Metaphern aus den Sportspielen zu bleiben: Was die beiden jedenfalls auszeichnet, ist der enorme „Spielspaß“. Bedeutet für junge Künstler ein textlicher Fehler oder ein Hänger die absolute Horrorsituation, so hat man bei Stipsits/Rubey fast das Gefühl, sie freuten sich auf solche Szenen: F.A.I.L. – First Action In Laughing!

 

Zugegeben, manchmal wirkt der rote Faden zwischen den einzelnen Szenen (Sketches) etwas dünn, aber nicht die Dramaturgie, macht das neue Programm so sehenswert, sondern es ist dieses blinde Verständnis von Stipsits/Rubey für einander und das spontane Agieren und Reagieren auf der Bühne, was dieses Gespann so unverwechselbar wirken lässt.

 

Gegen Ende des Abends entgleitet Stipsits/Rubey die Herrschaft über die Generierung des Stücks. Natürlich nicht im Stück, sondern nur im Stück im Stück. Genug verwirrt? „Rose is a rose is a rose is a rose“... Und wer so viele Todsünden auf der Bühne in den einzelnen Szenen begangen hat wie die beiden, dem kann natürlich nur ein gerechtes Ende widerfahren, welches wir hier natürlich nicht verraten wollen. „Gott und Söhne“ ist ein sündiges Erlebnis, aber der Besuch ist mehr als eine Sünde wert - ohne dafür Sühne tragen zu müssen.

 

DieKleinkunst-Redakteur Markus Freiler

 


Stadtsaal


Thomas Stipsits

 

Manuel Rubey