13.11.2015  Scherzinfarkt: Chronisch und akut

 © 2013 Kabarett Scherzinfarkt
© 2013 Kabarett Scherzinfarkt

Sich mit einer konkreten inhaltlichen Erwartung „Chronisch und akut, das 14. Programm der Gruppe Scherzinfarkt, anzusehen, war unmöglich. Zu allgemein waren Vorankündigung und Beschreibungen gehalten. Genau das machte aber den Reiz aus. Somit begab sich DieKleinkunst-Redakteurin Marion Kern in die Kulisse, um sich überraschen zu lassen.



Überraschung gelungen! „Chronisch und akut“ kann man allerdings nicht wie eine Geschichte  zusammenfassen. Geboten wird eine große Vielfalt an Themen, die in den unterschiedlichsten darstellerischen und musikalischen Formen umgesetzt werden. Die Gruppe Scherzinfarkt besteht aus vier Herren und – wie man erfährt seit Kurzem – einer Dame (Doris Happl),die nicht nur Regie führt, sondern auch darauf achtet, dass die Texte gendergerecht sind.

 

Durch den Abend führt Claus Bruckmann, der das nahezu Unmögliche möglich macht und mit seiner unterhaltsamen, teils augenzwinkernden Moderation eine Art roten Faden zwischen die voneinander unabhängigen Sequenzen legt. Richard Stanzl komplettiert den darstellenden Teil der Gruppe, die musikalische Untermalung kommt (natürlich zu 100% live, wie betont wird) von Reinhold Nowotny und Edgar Pleyer.

 

Das Konzept beinhaltet schwerpunktmäßig Cover-Versionen bekannter Lieder, die mit neuen Texten ausgestattet werden, daneben auch freie Sketches. Wer jetzt glaubt, dass nur seichte Blödeleien ohne Tiefgang zum Schenkelklopfen verleiten, irrt gewaltig. Bei allem Humor und viel Komik wird durchaus Kritik geübt und zum Nachdenken angeregt. Form und Inhalt stimmen dabei nicht überein, was eine sehr interessante Technik ist – aber die Botschaften kommen trotzdem an.

 

An dieser Stelle sollen ein paar Beispiele für sich sprechen. In „Vurschrift is Vurschrift!“ versucht ein Grieche bei der Gewerbebehörde eine Genehmigung für eine Taverne zu bekommen und stößt dabei auf einige unerwartete Hindernisse. „Kurtortur“ schildert musikalisch den ganz normalen Wahnsinn eines Kurtages, während die „Urlaubstrilogie“ den Lignano-Tourismus zu den Melodien von „Felicità“, „Azzurro“ und „Viva la Mamma“ auf die Schaufel nimmt.

 

Die vergangene Wiener Landtagswahl verlangt nahezu, im Programm vorzukommen. Dabei lassen sich Scherzinfarkt nicht lange bitten. Alle SpitzenkandidatInnen bekommen etwas ab, und das nicht nur verbal sondern auch darstellerisch. Für alle Darbietungen gilt übrigens: Sehr viel Liebe zum Detail! Das betrifft Kostüme ebenso wie kleine Handlungselemente oder Gesten.

 

Einmalig die Performance von Richard Stanzl als Johanna Mikl-Leitner, der sich auch optisch in die Ministerin verwandelt. Die Knieriem-Reime sind an die bekannten Nestroy-Couplets angelehnt und befassen sich auf humorige Art mit aktuellen politischen und sozialen Ereignissen. Auch Schlager-Fans kommen auf ihre Kosten, wenn sie z.B. Lieder von Andrea Berg oder Relax mit ganz anderen Texten hören, dasselbe gilt für LiebhaberIinnen von Wienerliedern. Der Versuch, die „Reblaus“ oder das „Ringelspiel“ auf Englisch zu übersetzen ist ein direkter Angriff auf die Lachmuskeln.

 

Die ultimative Attacke ist dann die letzte Zugabe, in der  Doris Happl mit sehr viel Herzblut (das darf man wörtlich nehmen!) die Entstehungsgeschichte des „Filet Stroganoff“ besingt. Aber mehr wird an dieser Stelle nicht verraten, das muss man live gesehen haben...

 

Man spürt, dass die Gruppe selbst großen Spaß bei der Performance hat, was sich natürlich auf das Publikum überträgt. Die Stimmung wurde immer besser, am Ende wollte man die fünf gar nicht mehr von der Bühne lassen, selbst nach den (oder gerade wegen der) großartigen Zugaben...

 

Fazit: „Chronisch und akut“ ist ein Patchwork an Themen und Darbietungs-Stilen, bei dem kein Auge trocken bleibt. Scherzinfarkt in Hochform!

 

 

DieKleinkunst-Redakteurin Marion Kern

 

 

 

www.scherzinfarkt.at

 

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