7.10.15  Robert Palfrader und Florian Scheuba: Flügel

© http://florianscheuba.at/presse/
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Was soll man sich unter diesem kryptischen Titel erwarten? Der Titel pass gut zum Ort des Premierentheaters Rabenhof, denn Raben besitzen bekanntlich Flügel. In der Vorankündigung zu ihrem neuen Programm ist von einem heranstürmenden Stier die Rede, welchen sie „bei den Flügeln packen“ wollen. DieKleinkunst-Redakteur Markus Freiler kennt zwar keinen Flügelstier (außer der von Lukas), allerdings ein Getränk, welches Flügel verleihen soll. War nun die Premiere von „Flügel“ ebenfalls so energetisierend?


 

That’s Entertainment“ mit diesem The Jam-Song beginnt der Abend. Hört man auf die Zeilen dieses Klassikers der 80er-Jahre, wird einem klar, wie unterschiedlich es sein kann, was man unter Unterhaltung versteht. Jedoch Scheuba stellt bereits gleich zu Beginn klar, dass er nur für „Unterhaltung mit Haltung“ steht. Unbestechlich, der Wahrheit verpflichtet?! Eine telefonisches Anbot bei Mateschitzs Geburtstagsparty der Hauptact zu sein wird mit „Wir sind ja keine Kaufkasperln“ erbost abgelehnt. Palfrader ist da nicht so sattelfest, er gib zu bedenken, dass beim Ablehnen der Gage von 200.000 € sie vom Steuerberater entmündigt und sich ihre Frauen scheiden lassen würden.

 

Was darauf folgt ist eine 95-minütige Abwehrschlacht, der Verlockung des Goldenen Kalbs, namens R.B,. zu entsagen. Mit beißendem Spott und Hohn überschütten sie den Konzern, sei es mit der (für Kabarettisten schon obligaten) Baumgartner-Verarschung oder der von R.B. gesponserten Extremsportarten („Schwerkraft gilt auch für Deppade“). Ihr Auftritt sei nur unter der Bedingung möglich, dass das Geburtstagskind und die geladen Gäste Opfer ihrer beißenden Satire werden dürfen. Auf dem fiktiven Fest treten sie als Bullenschweine auf und z.B. Lauda („Bietet der Wirtschaft die Stirn“) oder K.H.G. („verfönte Fratze des Neoliberalismus“) sind Satireopfer.. Sie wollen „subversivSchartner-Bombe auf der Auftrittsbühne trinken.

 

Palfrader/Scheuba laufen in ihrer fiktiven Bühnenshow bei dem Geburtstagsfest von Mister M zur Höchstform auf und liefern im Minutentakt Gags über R.B. finanziell floppende Drinks und TV-Sendungen sowie über ein Hochglanzmagazine, das „eine Biedermeier-Revue für Leute ist, welchen Sepp Forcher-Sendungen zu aufregend sind“. Die beiden überzeugen aber auch mit schauspielerischen Fähigkeiten, wie z.B in einem Sketch, in welchem öde Brauchtumssendungen parodiert werden, oder der Parodie von Faymann, als Hausmeister von Österreich.

 

Sie wollen „den Stier bei den Flügeln packen“, doch erweisen sie dem Konzern damit nicht einen Bärendienst, indem sie ein komplettes Kabarettprogramm dem Getränkekonzern widmen? Diese Gefahr besteht nicht, denn Palfrade/Scheuba lassen wirklich kein einzig gutes Haar an R.B.. Im Gegenteil, R.B. liefert für sie DAS konkrete Beispiel, dass „Unternehmen die Sinnstifter der Zukunft sind“ (O-Ton eine deutschen Universitätsprofessors), da die Kirchen tot seien und der Staat seine Macht abgegeben habe. R.B. also als teure Hostie (angebliche Herstellungskosten 10 Cent)?! Ein „Lebensgefühl“ als „Glaubensersatz“? Man soll sich ja in bestimmten Religionen kein Bildnis von Gott machen. Gleich einer Gottheit, habe Mateschitz einen ganzen Verlag aufgekauft haben, damit sein Abbild darin nicht vorkomme.

 

Nicht nur das kapitalistische Wirtschaftssystem wird durch den Kakao gezogen, sondern auch die abrahamitischen Weltreligionen bekommen ihr Fett ab. Da kann es dann schon zu solch Gedankenexperimenten kommen, in welchen der Islam als “die FPÖ unter den Weltreligionen“ bezeichnet wird. Prinzipiell sind Palfrader/Scheuba absolute Meister der Aphorismen, so endet auch ihr religionsbezogenes Philosophicum mit einem pointierten Sinnspruch „Der Agnostiker weiß, dass er nix weiß, und der Atheist glaubt, dass er nix glaubt“.

 

Sie erträumen sich ihre „absolut unabhängigen“ Nachrichtensendung bei R.B., in welcher sie ein düsteres Szenario der politischen Weltlage skizzieren: „Transatlantische Teilentmündigung“ der Politiker („zufällige“ Abkürzung TTIP) und eine Aufteilung ganzer Länder unter Wirtschaftskonzernen.

 

Wohl gemerkt, diese Sezierung der kapitalistischen Marktwirtschaft (am Beispiel von R.B.) und der Religionen passiert nur in den Phantasien ihrer Köpfe. Mehr Schein als Sein also? Die Wirklichkeit sieht anders aus. Immer mehr erliegen sie den Verlockungen des Konzerns, werfen ihre Überzeugungen über Board und werden zu Relativierungskünstlern „Mit dieser Dramaturgie beweisen die Palfrader/Scheuba allerdings ein gehöriges Maß an Selbstironie.

 

Nicht alles was endet wird gut, denn ihr Auftritt bei Ms Geburtstagsfeier endet „etwas“ anders, als sie sich erträumt hätten. Im übertragenen Sinne stutzt Gott Mammon die Flügel der beiden Künstlern, sodass sie ihre absoluten NO-GOs zum Besten geben müssen: Eine Stronach-Parodie und „ein bisserl brav sein“.

 

Robert Palfrader & Florian Scheuba bieten mit „Flügel“ eine bissige und gleichzeitig feinsinnige Satire, wie wir sie nur von „Wir Staatskünstler“ kennen, welche ja wegen der Austragung des Songcontests geopfert werden musste. Die beiden spielen dieses Programm in einem Tempo furioso und mit solch Intensität, dass der Verdacht nahe legt, sie hätten einen gewissen Energy-Drink konsumiert. Mich berauben sie jedoch jeder Illusion: Weder in der kapitalistischen Marktwirtschaft, noch in abrahamitischen Religionen werde ich mein Heil finden. Da ist es nur stringent, Rapid als meinen einzigen Glaubensgrundsatz zu sehen und das einzig „Echte“ Ottakringer mein persönlicher „Engergy-Drink“ ist.

 


DieKleinkunst-Redakteur Markus Freiler

 

 

 

Flügel