4.11.2015 Clemens Maria Schreiner: Was Wäre Wenn

© Ernesto Gelles
© Ernesto Gelles

Was wäre wenn … „ – mit dieser Frage, mit Entscheidungen und deren Konsequenzen beschäftigt sich der Kabarettist Clemens Maria Schreiner in seinem neuen Solo-Programm (Regie: Leo Lukas) und begeistert damit bei der Wien-Premiere Publikum und DieKleinkunst-Redakteurin Margot Fink.

 


Schon ganz zu Beginn, in den allerersten Sekunden des Programms zeigt Clemens Maria Schreiner eine neue Seite von sich, er steht mit dem Rücken zum Publikum, die Hände erhoben und zur Seite gestreckt, eingetaucht im Nebel erscheint er groß und mächtig und beeindruckend. Er beginnt seinen Text zu rezitieren, über die letzten Augenblicke, bevor er auf die Bühne geht, dann dreht er sich um und wechselt zum Rap, mit einigen Schüttelreimen durchsetzt heißt er u. a. das Publikum zur Kleinkunst-Show willkommen und meint, der Abend komme vom Herzen. Bei Schreiner, laut Eigendefinition „Rampensau aus Leidenschaft“, ist von Anfang an eine irrsinnige Energie zu spüren. Man merkt, er fühlt sich wohl, er hat Freude daran,  und auch das Publikum hat er von Anfang an auf seiner Seite.

 

Es geht also um Entscheidungen und deren Konsequenzen. Jeder Mensch hat sich sicherlich mindestens einmal im Leben schon die Frage gestellt, was wäre gewesen, wenn … , oder auch, ob diese oder jene Entscheidung die richtige gewesen ist. Die erste wichtige Entscheidung für den Verlauf des Abends trifft das Publikum bei der Wahl des Bühnen-Hemdes für Clemens Maria Schreiner. Das nicht gewählte Hemd geht dafür auf Reisen rund um den Globus, landet irgendwann in Papua Neuguinea, wird einem australischen Baggerfahrer geschenkt, der Regenwald rodet. Immer wieder während der gesamten Vorstellung hindurch erweist er sich als talentierter Geschichtenerzähler, die Geschichten sind fantasievoll, skurril, witzig und mit einigen unerwarteten Wendungen versehen.

 

Schreiner greift auch die Situation seiner Generation auf, der Kinder der 80er-Jahre, die sich nicht festlegen will, „selbstbestimmt mit 13, selbstständig mit 30“. Jede Menge Wahlmöglichkeiten und entscheidungsunwillig. Für ihn ist sein guter Bekannter Günther sein Entscheidungskompass. Günther hat ihm etwa die beiden Hemden vorgeschlagen. Die Figur dieses Günther ist sehr speziell. Günther, eine Mischung aus Roman Rafreider und Roman Mählich, geht nie ein Risiko ein, er hat sogar eine Ernteausfallsversicherung für den Salat im Blumenkisterl – damit ist dann eh schon alles klar. Auch hier merkt man das Talent von Clemens Maria Schreiner, Figuren darzustellen, es geht nicht großartig um Schauspielerei oder Verkleidung, um eine Figur zu zeigen, er ändert nur ganz wenig, etwa die Art zu stehen, die Art zu reden und man erlebt als Publikum eine ganz andere Figur. Günther ist auf der Suche nach einer Partnerin – auch bei dieser Entscheidung wird das Publikum miteinbezogen und zwar nicht nur basisdemokratisch, sondern zusätzlich mit Mehrheitswahlrecht. Wieder einmal zeigen sich hier die Schlagfertigkeit und Lockerheit von Schreiner sehr deutlich. Wie er an dieser Stelle das Publikum unterhält – großartig. Und das Publikum darf auch bei Günthers Liebesleben Schicksal spielen – nach ein paar Umwegen oder falschen Entscheidungen, je nachdem, wie man es sieht, denn bekommt er am Ende sogar noch ein Liebes-Happyend.

 

In jeder Kabarettsaison gibt es einige Premieren und Programme, die besonders sind, die mich als Besucherin vieler Programme noch überraschen können. „Was Wäre Wenn“ gehört definitiv dazu. Clemens Maria Schreiner hat mich mit seinem neuen Programm überrascht, nein, das stimmt nicht, er hat mich nicht nur überrascht, sondern wirklich begeistert! Auch scheint die Zusammenarbeit mit Leo Lukas als Regisseur schon zum zweiten Mal die richtige Entscheidung gewesen zu sein!

 

Schreiner hat einen intelligenten und unterhaltsamen Schmäh, er kann jedoch auch kritisch sein und Seltsamkeiten durch den Kakao ziehen, und wie er das Publikum miteinbezieht, ist sehr gelungen – keine Sekunde lang fühlt man sich gezwungen oder versucht, wenn man das nicht so sehr mag, unsichtbar zu werden, wenn man in der ersten oder zweiten Reihe sitzt. Er scherzt und improvisiert auf so sympathische Art und Weise mit den Zurufen, er ist schlagfertig und witzig, und die Stimmung ist großartig. Und am Ende denkt man sogar: Was, es ist schon vorbei? – Zum Glück sind dann aber auch noch die Zugaben echte Schmankerl.

 

DieKleinkunst-Redakteurin Margot Fink

 

 

www.rampensau.at