17.9.2015  Christian Hölbling: Ich kann auch anderst

Foto: Nikolaj Orasche
Foto: Nikolaj Orasche

Christian Hölbling hatte bereits im Februar in Graz Premiere mit seinem neuen Soloprogramm. Endlich beehrte der „Sterirische Sir“ (Eigendefinition) nun auch Wien, nämlich im Kabarett Niedermair. Nach 15 Jahren hatte er die Kultfigur des Helfrieds in Pension geschickt und beweist, dass er auch „anderst“ kann. Das bezieht sich z.B. auf neue Bühnenfiguren. Was jedoch gleich geblieben ist, sind seine zynischen Lebensbetrachtungen.

 

 

Der Abend beginnt für Christian Hölbling mit Warten. Warten auf seine Band, mit welcher er auf Tournee ist, und damit auf den chaotischen Bandleader und Perkussionist Mike Schweiger. Er nutzt die Zeit des Wartens, um seinen Freund genauer zu charakterisieren: Ein echter „Goschinger“ sei er, der „oberschwellig“ aggressiv sei (Anm. M.F.: Wie halt Schlagzeuger so sind?). Hölbling soll zwar mit der Band bei der Eröffnung eines Wellness-Ressorts auftreten, „Ich kann auch anderst“ ist aber keineswegs ein Wohlfühlprogramm:

 

Er stellt das Trennende vor das Einende. Hölbling aus der „kulturellen Hochburg“ Bruck, Mike aus dem Hackler-Ort Kapfenberg („I eine Bude“). Christian Hölbling brilliert hierbei über den ganzen Abend immer wieder mit seinen humorvollen Schilderungen des bäuerlichen bzw. proletarischen Lokalkolorits. Man fühlt sich nicht nur dabei, sondern mittendrin. Sympathisch kommt dieser Hölbling, oder besser gesagt die Figur, welche er da auf der Bühne verkörpert, nicht rüber. So smart, wie sein Phone und sein Home (überall Sensoren und Kameras) sind, so smart will auch er mit seinem Auftreten und seinen Gedankenspenden sein, jedoch wirkt er in seiner Art eher als arroganter Schnösel.

 

Dieser „Von-oben-herab-Typ“ meint, die Reinkarnation habe ihn irrtümlich aus dem Kreis der Medici in das provinzielle Mürztal „downgegradet“. Nur logisch, dass daher Vivaldi-Konzerte durch „Zipfl-eini-Zipfl-aussi-Musik ersetzt werden. Hölbling spintisiert sich mit viel Kreativität seine eigene absurde Welt zusammen: Mit trockenem Humor erzählt er, dass er sein Zuhause mit einer Tourneeunterkunft und seine Frau mit der Gastgeberin verwechselt habe. Er schildert glaubhaft, er habe Nestlé-Boss Brabeck auf die Idee gebracht Kaffee bunt wie Bonbonieren zu verpacken und 80€/kg dafür zu verlangen…

 

Hölbling liebt es offensichtlich, unsympathische Figuren zu spielen, und dies mit äußerster Präzision. Sei es den windigen Verkäufer eines „A1-Flagshipstores“ („Post sagt man heute nicht mehr“), welcher seiner Oma ein i-Phone andreht (Hölbling züngelt dabei lüstern mit der Zunge, wie die Schlange, welche den verbotenen Apple anbietet). Oder er mimt den skrupellosen Rechtsanwalt mit philosophischen Ergüssen, wie: Lieba a brillantes Oaschloch, ois a sympathischer Depp

 

Der „steirische Sir“ möchte über alles erhaben wirken, ist es aber in mehrfacher Hinsicht nicht. So wähnt er sich in Sicherheit bezüglich der Verführungen des Konsums, im nächsten Moment wird er aber vom klassenkämpferischen Heißsporn Mike "aufgeplattelt", als dieser Hugo Boss-Prospekte bei ihm entdeckt. Hölbling versucht über die Unzulänglichkeiten auf der Welt und seines Freunds Mike im gewählten Hochdeutsch zu dozieren, erwischt sich aber im nächsten Moment dabei, dass er einen leidenschaftlichen inneren Abwehrkampf des Steirischen gegen das Kärntnerisch (seine neue Heimat) führt. Mit Wonne spielt er die Figur des Mike und legt seinem Alter Ego wunderbare steirische Idiome in den Mund, wie z.B. „Leck Fettn“. Mikesversüffte Kistn“ (Auto) bezeichnet Hölbling als „Goam“.

 

Der Kitt, welcher Hölblings szenische Betrachtungen über sein Leben, die Welt und über seinen Freund Mike zusammenhält, ist die Musik. Es sind wahre musikalische Kleinode (Helmut Thomas Stippich), in welchen Christian Hölbling gesanglich  zu Swing, Blues, Boogie und Rock’n’Roll brilliert. Textlich sind die ins Deutsche transponierten Songs sowieso ein Hit. Da wird aus „Puttin’ On The Ritz“ der „Puttenhofer Fritz“ oder  aus „Englisch Man In New York“ der „Steirer in Völkermorkt“.

 

Der Kabarettist Christian Hölbling überzeugt durch Souveränität auf der Bühne,sei es im humorvollen Figurenspiel oder als Sänger der Swing-Ära. Schade, dass es ihn nicht öfter nach Wien verschlägt (Das nächste Mal erst am 7. März ins Niedermair). Wer seine Website besucht, wird verstehen, dass er als künstlerisches Multitalent äußerst umtriebig in ganz Österreich unterwegs ist. Der nächste Fixpunkt ist das Humorfestival Velden, bei welchem er als Initiator und Moderator fungiert.

 

 

DieKleinkunst-Redakteur Markus Freiler

 

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Christian Hölbling

 

Kabarett Niedermair