13.1.2012 Peter Klien - "Mehr Wirbel als Säule"

Foto: Bernhard Noll Foto: Bernhard Noll

Nun, was ist wirklich Kliens Leistung? Immerhin hat er es sich geleistet extra für dieses Kabarett nach N.Y. und in den Nahen Osten zu reisen. Zugegeben, zuerst war da wohl die Reiselust und dann die Idee die Erlebnisse in seinem neuen Programm zu verarbeiten. Es mag wohl nicht von großem Neuigkeitswert Reise(frust)erlebnisse („den Koffern gefiel es besonders gut in Paris, darum blieben sie länger als wir“) in Kabarettprogramme zu verpacken. Das Einzigartige ist aber Kliens pointierter Vergleich der amerikanischen und österreichischen Säulen der „Kultur“!

 

Bei den teilweise bescheuerten Einreisefragen liegt für ihn der Schluss nahe, dass die USA uns zwar bezüglich der Zeitzonen 6 Stunde voraus sind, in anderen Belangen aber mindestens 6 Stunden hintnach hinken. Und überhaupt, was sei schon dran an den Straßenschluchten N.Ys., das sei sowieso nur das Innsbruck (Eingekesselt von Nordkette und Patscher Kofel) der USA. Kliens Analyse der wirtschaftsschaftspolitschen Lage über dem Teich fällt recht trocken aus: Das Verbrecherviertel N.Ys. sei die Wallstreet. Das Land der unbegrenzten (Auswahl)Möglichkeiten trifft unseren Globetrotter in den Fastfood-Restaurants etwas unvorbereitet. Dem qualitätsgesichert-standardisierten „My name is Susan and his name is coffee” bringt er zwar noch ein fast anarchistisches “Griaß God”. Bei der Bestellung eins “stink”normalen Burgers mit Cola, ist er aber dem damit verbundenen Entscheidungsfällungsterror hoffnungslos ausgesetzt. Und überhaupt hätte er lieber einen “Coffee to drink, anstatt eines Coffe to go”. Wie einfach ist es doch da im Wirtshaus seines Vertrauens ein Schnitzel zu bestellen.
Für mich ist Peter Klien ein Hüter der Sprachkultur, weil er mit dieser de äußerst behutsam umgeht. Aber das heißt ja in seinem Falle, im doppelten Sinne, Eulen nach Athen tragen, ist er doch klassischer Philo-Loge. Schön wenn, man seine Liebe zur Sprache zum Beruf machen kann! Was ihn aber von anderen Kleinkünstlern unterscheidet ist, dass er sich nicht als knochentrockener Sprachpolizist aufspielt, sondern es versteht, mit Wort und Sprache zu spielen und dadurch das Publikum köstlich zu unterhalten. Für Klien ist es eine Selbstverständlichkeit, dass “Sprache” eine unabdingbare Säule der Kultur ist.


Kliens Säulensuche führt ihn auch in jene Gebiete des Nahen Ostens, in welcher die christliche Kultur ihr Ursprung hat. Die Reise nach Jerusalem beginnt im Flieger ein zweites Mal. Aufgrund des Sitzplatzmangels spielt man “Die Reise nach Jerusalem” und der Verlierer muss aufs WC. Wie und was dann Klien, da so über seine Studienreise zu berichten weiß birgt eine neue Dimension des Kabaretts in sich, nämlich: Das Geschichts- bzw. Religionsunterrichtskabarett! Nun gut, vielleicht fühlt sich Klien bei den Deutungen biblischer bzw. historischer Ereignisse nicht immer so ganz der Wahrheit verpflichtet. Hat z.B. Jesus auf die Pilatusfrage wirklich geantwortet “Nagelns mich da nicht so fest”?! (Ja, da hätte sich M.P. bei “Das Leben des Brian” noch etwas Blasphemisches abschreiben können!)


Klien ist so ein richtiger Aphorismen-Schleuderer! Aus den Wortspenden lassen sich spielend leicht Fragen für einen Religionsunterrichtstest schnitzen: Wie heißt der Ritter, welcher das R.B. der Kreuzfahrer erfunden hat?1 Wie heißen Exerzitien-Schnuppertage im Kloster am Berg-Carmel?2 Wie heißt das Meer, welches zwischen Berg und Wüste daschlogn herumliegt?3 Welcher See dient als Teststrecke für Überwasseläufer?4 Wer leidet schon seit Jahrtausenden unter Burnout?5


Woran es Klien sicher nicht mangelt, ist Selbstironie, charakterisiert er doch Philologen als einen Club, in welchem als “Plichtuniform” zeitlose Sakkos, graubraune Pollunder und Bundfaltenhosen gelten, und die Clubmitglieder die Nächte damit verbringen tote Dichter zu lesen, anstatt sich in “Scheibentischen” (Discotheken) herumzutreiben. Frühgeschichtliche “Scherbenschlecker” (Archäologen) werden als “kreativ” bezeichnet, wenn die Interpretationsbreite bei ein und demselben Fundstück, je nach “Standpunkt”, von Helm bis Kochtopf reicht.


Klien ist die Schadenfreude anzumerken, wenn er so manches sprachinhltliches Paradoxon aufdeckt: Z.B ENERGETISIERENDES Meersalz aus dem TOTEN Meer?!. Die Pointendichte hält sich bei ihm auf einem erträglichen Niveau, weil ihm Qualität wichtiger ist (“alles andere ist primär”). Da ist konzentriertes Zuhören und Antizipieren verlangt, was für nicht so geübte Sprachaficionados manchmal zu anstrengend sein kann. Insofern erinnert sein Stil ja fast an eine launige Universitätsvorlesung. Hat Klien also das Akademiker-Kabarett als Nische am Kleinkunsthimmel entdeckt? Doch wer die „Hälfte 2“* nicht gesehen/gehört hat, der irrt! Klien kann auch anders. Da zeigt er die Dunkel Seite des Akademikers: In diesem wohnt nämlich ein Fußballfan. Sein Pech ist nur, dass er Fan des ÖFB-Teams ist. Nun, im Falle von Barcelona ist es durchaus erlaubt von Spielkultur zu sprechen. Österreichs Säulen der Kultur würde aber auf äußerst wackligen (Fußballer)Beinen stehen, machte man sie an Österreichs Fußballkunst fest - die ist maximal Subkultur.


Klien ein bemitleidenswertes Subjekt, wenn er im Zusammenhang mit der Fußball-EM 2008, in geflügelten Worten vom “Sommer unseres Lebens” spricht. Obwohl er vor jedem Spiel des ÖFB-Teams “ein gutes Gefühl” hatte, war ja der maximale Höhepunkt der Gefühle ein 1:1-“Sieg” gegen Polen. Die Trauerarbeit konnte er aber dann wenigsten im “Gasthaus seines Vertrauens” leisten. Die brachiale Sprache der Fußballfans bzw. die prohaskaesken Stilblüten sind natürlich ein aufgelegtes Tor für Klien, um auch diese Facetten unserer Mutter-Vatersprache auf ironische Weise zu sezieren. Klien untermauert am Ende des Abends seine hoffnungslose Liebe zum ÖFB-Team mit Erich Frieds “Was es ist”.


Da die zwei Hälften seines neuen Programms nicht unterschiedlicher sein können, bekommt das Publikum sozusagen zwei Kabarettprogramme zum Preis von einem. Klien ist wahrlich ein Sprachakrobat, welcher im Stangenwald der Worte nie einfädelt. Keine Ahnung was nun alles zu den Säulen unserer Kultur gehört, aber Peter Klien ist für mich eine unabdingbare Säule der österreichen Kabarettkultur!


Für dieKleinkunst: Markus Freiler

1 Gottfried von Bouillon
2 Carmel-Light
3 Totes Meer
4 See Genezareth
5 Der brennende Dornenbusch

* Exkurs zur Ordinalzahl-Problematik in der zeitgeschichtlichen Sportjournalistik: In Piefkinesien gibt es keine ZWEITE SPIELHÄLFTE mehr im Fußball, sondern nurmehr den „DURCHGANG ZWEI“. Den „Durchgang“ kannte ich derweilen nur vom Skisport, aber vielleicht bezieht sich ja dieser Ausdruck darauf, dass ein Stürmer die gegnerischen Verteidiger wie einen Stangenwald duchlaufen muss?! Bleibt die Erkärung übrig, warum darf es keinen ZWEITEN Durchgang geben? Feiert mein Sohn in Zukunft am April EINS Geburtstag?! Ritter der Ordinalzahlen formiert euch gegen die Drachentöter der Ordnungszahlen!


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